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Freitag, 22. Juni 2007

Hüte dich vor den älteren Damen...

Geschrieben von Jens in Korea 2007 um 15:35
Daegu
Nach der größten (Seoul), der zweitgrößten (Busan) und der drittgrößten koreanischen Stadt (Incheon) bin ich nun in der viertgrößten gelandet: Daegu mit etwa 2,5 Mio Einwohnern. Der Bus von Gyeongju hat etwa eine Stunde gebraucht und 4 Euro gekostet. Eigentlich wollte ich hier gar nicht hin, weil ichs mit großen Städten eigentlich nicht so habe. Aber da ich mich morgen mit Hye-Suk treffen möchte, bot sich Daegu als große Stadt "dazwischen" eher an als irgendeine Kleinstadt, wo ich dann eben am Sonntag hinfahre. Ich hab ja noch ein paar Tage, erst die Hälfte ist rum und ich hab schon so viel gesehen.

Natürlich regnete es mal wieder die ganze Nacht und den ganzen Tag. Ziemlich deprimierend. Was soll man da schon tun? Erstmal kam jedoch die unschönste Aufgabe: Motel suchen. Für einen wie mich, der sich nicht entscheiden kann, ist das immer eine schwierige Angelegenheit. Man will ja nicht zu viel bezahlen und dann soll es noch ruhig und sauber und bequem sein. Von außen sieht man es den Dingern ja nicht an, wie sie innen aussehen.

Daegu im Regen
In Gyeongju hatte mich der Lonely Planet als Reiseführer ganz gut beraten. Aber das Motel, das dieser nun anpries, fand ich trotz einstündiger Suche (mit 17 Kilo Gepäck eine schweißtreibende Sache) einfach nicht. Also beschloss ich, einfach irgendeins zu nehmen und ging in einen großen Kasten, das "Time Motel". Die Frau dort sagte irgendwas auf Koreanisch, was ich nicht verstand, und rief dann jemanden an, der Englisch konnte. Der meinte, das Zimmer würde 40.000 Won kosten, aber da ich schon um 12 dort war anstatt am Nachmittag, würde er 50.000 verlangen müssen. Der spinnt doch, dachte ich, und sagte, es sei mir zu teuer. Okay, meinte er, dann gäbe er mir Rabatt auf 40.000. Nee, auch das war mir noch zu viel. Ich legte auf und sagte der unfreundlichen Dame "nomu pissaneyo" ("viel zu teuer"). Ich sagte "30.000 Won", und dann wollte sie mir den Raum für 35.000 anbieten. Nee. Nix. Ich verabschiedete mich und ging. Sie rannte mir noch hinterher auf die Straße und winkte. Keine Ahnung, ob sie mich zurückholen wollte. Ich hatte keinen Bock mehr auf diesen Laden und ging in die nächste Seitenstraße.

Taxifahrer-Ruheplatz
Dort fand ich dann ein von außen eher schlecht aussehendes Motel. Der Reiseführer schrieb auch, dass die meisten "sehr grottig" seien. Na super! Aber ich hatte Glück: Die alte Dame am Schalter war sehr freundlich und sie verstand mein Koreanisch, machte mir Komplimente, und gab mir den Raum, den ich mir vorher ansah, für 25.000 Won. Und der ist sauber, bequem und ruhig. Na also, geht doch. Man muss doch nicht blöd rummachen, wenn man ein wenig früher ankommt. Schon gar nicht, wenn genügend Räume frei sind.

Hm. Ausgebrochen?
Übrigens: Im Koreanischen gibts ne kleine Stolperfalle bei Preisverhandlungen. "sam-man-won" bedeutet "30.000 Won" und "sa-man-won" bedeutet "40.000 Won". Für Koreaner sicher ein himmelweiter Unterschied, aber für meinereiner kaum auseinanderzuhalten. Gut also, dass es Finger gibt ;-)

Haeinsa
Da ich ja nicht den ganzen Nachmittag im Hotel verbringen wollte, fuhr ich zu einem bekannten Tempel etwa 70 km außerhalb der Stadt. Die Fahrt mit U-Bahn und Bus dauerte zusammen fast 2 Stunden. Es hat zwar geregnet, aber die Busfahrt war sehr schön. Herrlich zu sehen, wie sich die hügelige Landschaft in den Reisfeldern spiegelte. Leider verbauen die Koreaner ihre schöne Landschaft immer mehr mit hässlichen Gebäuden. Dort wird mit Sicherheit kein Dorf zum "schönsten Dorf Koreas" gekürt, schätze ich. Die Dörfer sehen nämlich einfach aus wie kleine Städte. Hässliche Gebäude mit Neonreklame und viele kleine Lädelchen und Restaurants.

Im Haeinsa-Tempel, zu dem man noch über 1 km laufen musste (und ich hab doch Muskelkater vom Sunmudo-Training!), war zwar schön, aber wegen dem Regen eine bäh-Angelegenheit. Zudem gabs dort sandigen und daher matschigen Boden. Echt toll.

Haeinsa
Jedenfalls liegt in Haeinsa das bekannteste und wichtigste koreanische Kulturgut: Das Tripitaka Koreana. Das sind 81254 Druckstöcke aus Holz, die im 13. Jahrhundert angefertigt wurden. Sie enthalten die vollständigste Sammlung buddhistischer Schriften und wurden damals schon so angefertigt, dass sie viele Jahrhunderte überdauern würden. Leider konnte man in das Gebäude nicht hinein, sodass ich das Foto durch das Gitterfenster hindurch machen musste.

Das Tripitaka-Koreana
Gedruckt haben die Koreaner schon immer gern. Der älteste Holzdruckstock wurde gar im Bulguksa-Tempel (wo ich auch schon war) gefunden. Und ganz nebenbei, was die allerwenigsten wissen: Nicht Johannes Gutenberg hat den Druck mit beweglichen metallenen Lettern erfunden, wie es überall gelehrt wird. Das waren auch die Koreaner um 1230, etwa 200 Jahre vor dem Deutschen. Nur war das System nicht so beliebt, weil damals in Korea noch die chinesische Schrift verwendet wurde, und da brauchte man eine Menge Lettern. Hangul, das koreanische Alphabet, wurde erst 1446 entwickelt (und ist übrigens das einzige Alphabet der Welt, das systematisch entwickelt wurde - alle anderen haben sich langsam zur heutigen Form verändert).

Hölzerner Druckstock im Museum
Im Bus zurück wär ich dann fast eingeschlafen. Ich bin einfach noch zu fertig und sollte ausruhen. Nur hab ich aufs Ausruhen auch nicht so recht Lust. Also ging ich in die Stadt und schlenderte durch einige Straßen im Zentrum. Ich hab bestimmt eine Million Koreaner gesehen. Und mich als einzigen Fremden. Den ganzen Tag! Wundert mich ein wenig, denn in Daegu soll es zwei US-Militär-Basen geben. Die Leute haben mich auch nicht wie einen Fremdkörper angesehen, sind Fremde also wohl gewohnt. Vielleicht haben die mich für einen US-Soldaten in Zivil gehalten :-).

Shopping-Meile in Daegu
Daegu ist berühmt für seine Mode und die Trends, die hier entstehen. Dementsprechend viele Kleidungsläden gibt es, und dementsprechend stylish sehen die Frauen auch aus. Überhaupt: In Daegu gibt es die schönsten Frauen Koreas. In Seoul sind mir nicht so viele hübsche Mädels begegnet wie hier. Wegen einer 1,80m-Frau im roten Kleid in der U-Bahn, die mich an meine Lieblingsschauspielerin erinnerte, hab ich gar erst drei Stationen zu spät gemerkt, dass ich in die falsche Richtung fuhr... ;-)

Im Shopping-Bezirk gibt es einzelne Straßen, in denen es nur eine Art Läden gibt. Da gibts (laut Reiseführer, ich habs nicht gefunden) eine Handtuchstraße oder eine Reiskuchenstraße. Gefunden habe ich nur die Handystraße. Dort gab es ausschließlich Mobiltelefon-Shops (hier übrigens "Haenduepon" genannt für "Handphone"). Muss sich offenbar lohnen.

Nach einem Snack auf der Straße (ein Würstchen an zwei Stäbchen mit irgendeinem Gebäck umwickelt) suchte ich den Rotlichtbezirk. Der sollte ganz interessant sein laut Reiseführer. Und ich war ja schon gespannt, wie so etwas in einem Land aussieht, wo man sich auf der Straße nicht mal küsst.

Handyshop in der Handy-Straße
Ich orientierte mich am Mond und fand die richtige Richtung. Nach fünfzehn Minuten, das liegt ziemlich außerhalb des Zentrums, sah ich in einer Seitenstraße kurz ein pinkfarbenes Licht aufleuchten. Von der Hauptstraße aus war überhaupt nichts zu sehen. Also ging ich um den Block herum und versuchte, einen Zugang zu finden, wo ich möglichst wenig auffiel. Gleich an der Ecke war die Polizeistation. Und in den winzigen Gassen, die von dem pinken Licht erhellt wurden, war irgendwie niemand außer ein paar älteren Frauen, die vor den "Schaufenstern" standen...

Die Prostituierten saßen oder standen im Bikini oder anderer Kleidung in hellen pink-rosa beleuchteten Räumen mit Glaswänden und warteten auf Kundschaft. Dabei redeten sie miteinander, legten Makeup auf, aßen was oder klickerten auf ihren Handys rum.

Ich versuchte, schnurgerade durchzugehen und mir möglichst nicht anmerken zu lassen, auf der "Suche" zu sein. Das fiel mir recht schwer, weil ich ja erstens gucken musste und zweitens der einzige auf der Straße war. Möglicherweise ging es hier erst später los. Ich hätte ja gern ein Bild gemacht, aber ich traute mich nicht. Möglicherweise wär dann jemand gekommen und hätte gesagt, wenn ich sie schon knipse, muss ich sie auch nehmen...

Dann merkte ich, was die 40-50 jährigen Frauen waren. Sie sprachen mich mit "Hi" an und wollten mir jeweils eins von den Mädels andrehen. Ich winkte immer und sagte "Anio". Schnell da raus, schnell da raus... Immerhin war ich schnell draußen, weil der Rotlichtbezirk echt nur aus 3 oder 4 Straßen bestand, die zudem sehr gut versteckt waren. Aber selbst, als ich wieder in Richtung U-Bahn-Station unterwegs war, wurde ich von älteren Damen angesprochen, die mir irgendwas andrehen wollten. Ich hab nix verstanden, konnte mir aber natürlich denken, was das sein würde...

Kneipe und PC Bang
Als ich dann zurück war an der U-Bahn-Station, weit weg vom Rotlichtviertel in der Nähe des Busterminals, suchte ich einen PC Bang. Ich fand auch schnell einen, doch der stellte sich als sehr seltsam heraus. Es gab dort einige Türen, aber kein großer Raum mit vielen PCs. Der Inhaber hatte alle Hände voll zu tun, mir zu erklären, um was es sich hier handelte. Aber ich kapierte es recht flott: Das war ein "Einzelzimmer PC-Bang" genannt "Seongin-PC Bang", was so viel bedeutet wie "Erwachsenen-PC Bang". Da kann man dann also in privater Atmosphäre im Internet surfen... und es kostet mit 5000 Won pro Stunde etwa 7 Mal so viel wie im normalen PC Bang. Was es hier nicht alles gibt!

Vor diesem PC Bang hockte wieder eine alte Dame auf der Straße, die mich auch mit "Hi..." ansprach und mich dann am Arm packte und mich irgendwo hinführen wollte. Hilfe! Ich sagte Anio, riss mich von ihr los, und ging ganz schnell in eine andere Richtung.

Ich glaube, hier in Daegu mache ich in Zukunft einen großen Bogen um diese Damen :-)
Kommentare (2)

Donnerstag, 21. Juni 2007

Sunmudo

Geschrieben von Jens in Korea 2007 um 08:48
Seokguram von außen
Gestern stand ich früh auf, weil ich noch zur Seokguram-Grotte wollte. Ich nahm einen Bus für 1,20 Euro und war damit etwas schneller beim Bulguksa-Tempel als am Tag zuvor mit dem Rad. Und vor allem kühler, da hier alle Busse - egal ob Stadt- oder Fernbusse - klimatisiert sind. Genau wie jedes Geschäft und jedes Hotelzimmer. Muss man auch, denn schon jetzt ist es hier extrem warm, und es ist noch nicht mal Hochsommer.

Von Bulguksa aus ging es mit einem Shuttlebus den Berg hinauf. Ich hatte zuvor ja den winzigen Gedanken gehabt, dort mit dem Rad hochzufahren. Sooo weit konnte es ja nicht sein, und Weitenangaben findet man ja nirgends. Der Bus wand sich dann um die 8 km den Berg hinauf, bei einer Steigung von sicherlich 7-10%. Gut also, dass ich es nicht versucht hatte...

Seokguram-Buddha (Bild aus Wikipedia)
Oben angekommen waren es noch 10 Minuten zu Fuß zur Seokguram-Grotte. Wieder waren kaum Touristen dort. Die Mehrzahl bildete eine Grundschülergruppe, die glücklich war, als sie von mir Gummibärchen bekamen. Seltsamerweise fragen die jungen Mädchen immer, ob ich eine Freundin habe. Und wenn ich dann "Nein" sage, kommt ein "Oooh" und manchmal ein "Why?". Öhm, sollte mir das jetzt zu denken geben?

Bei Seokguram
Beeindruckend ist die Grotte eigentlich nur, wenn man bedenkt, wie die Erbauer die ganzen Steine da rauf geschafft haben. 30 Jahre soll der Bau von dem Ding dann auch gebraucht haben. Innen stand die Buddha-Statue wegen Vandalismus in der Vergangenheit hinter einer Glaswand, und nur wer beten wollte, bekam Zutritt. Fotografieren war eh nicht erlaubt, von daher gibts heute Mal ein "Katalogfoto" dieses Buddhas.

Straßenverkäuferin in Gyeongju
Mittags war ich zurück in der Stadt und bezahlte 2 weitere Nächte im Hotel. Zwar wollte ich diese Nacht im Tempel verbringen, hatte aber keine Lust, den riesigen Rucksack mitzuschleppen. Ich hatte ja auch keine Ahnung, wie beschwerlich der Weg sein würde. Hab ich halt 25 Euro Leergeld bezahlt. Was solls.

Wehrdienstleistende - Pflicht für 2 Jahre
Da ich erst zwischen 16 und 17 Uhr in Golgulsa eintreffen sollte, ging ich noch etwas in der Stadt herum. Und als ich dann bei Pizza Hut vorbeischlenderte, dachte ich mir "Hey, mal wieder ne Pizza wär ja nicht schlecht - und billig wirds auch sein". Von wegen! Die Pizzen da kosteten 14 Euro aufwärts. Und dadurch kam es, dass ich mir ein Reisgericht für 7 Euro und einen O-Saft für 2,50 Euro bestellte, obwohl ich dasselbe für die Hälfte des Preises in irgendeinem kleinen Straßenrestaurant bekommen hätte.
Kimchi-Töpfe
Und dann einschließlich Ban-Chan, den vielen kleinen Schüsselchen mit diversen Köstlichkeiten. Hmm. Man sollte hier halt doch lokales Essen essen, was eh die bessere Wahl ist.

Auf dem richtigen Weg
Nach etwas Herumfragen fand ich den richtigen Bus. Im Reiseführer stand, dass man den Busfahrer fragen sollte, an einer bestimmten Kreuzung anzuhalten, weil es dort keine offizielle Bushaltestelle gäbe. Nach der etwa 40-minütigen Fahrt stieg ich dann problemlos am richtigen Ort aus. Super, geht doch! Nach etwa 20 Minuten Gehen kam ich in Golgulsa an.

Landleben
Dort füllte ich das Anmeldeformular für den "Temple Stay" aus, zahlte 35 Euro, und wurde gleich mal von einer fetten koreanischen Wespe durch mein T-Shirt hindurch in die Schulter gestochen. Und zwar so fest, dass sich zwei jeweils 1 cm große Blutflecke bildeten. Argh. Dabei hats noch nicht mal weh getan. Fiese Viecher. Übrigens gibts hier auch riesige Ameisen, die über 15 mm groß werden.

Hier durch und erstmal nicht wieder raus
Bei der Anmeldung wurden mir ein paar Dinge erklärt, aber ich wusste zunächst mal nicht, was ich tun sollte. Also ging ich ein wenig über das Tempegelände und stieg den steilen Pfad zum lokalen Heiligtum hinauf - einem aus dem Stein gehauenen Buddha, der aus großer Höhe das Tal überblickt. Um dort hinauf zu kommen, musste man sich an Seilen hoch hangeln und durch einen engen Steindurchgang kriechen.

Golgulsa: Aufstieg zum Stein-Buddha
Um 17:30 Uhr gab es essen. Rein vegetarisch natürlich, denn als Buddhist könnte man ja als Tier wiedergeboren werden, das dann von jemandem gegessen wird. Das tolle an dem Essen hier ist aber, dass man vegetarisch essen kann und es sogar schmeckt ;-). Kein so überbackenes Gedöns wie bei uns, sondern Reis und Kimchi, ne Suppe, Tofu und eine Menge anderer Beilagen, von denen ich zwar kaum etwas kenne, aber von dem (fast) alles wirklich gut ist. Ich hatte gelesen, dass das Essen im Tempel still eingenommen wird, aber die jungen Leute, die dort waren, schien das nicht sonderlich zu jucken. Alles nicht so wild, dachte ich mir da noch... von wegen.

Stein-Buddha im Golgulsa-Tempel
Nach dem Essen setzte ich mich irgendwo hin und redete ein wenig mit ein paar Leuten, die Englisch konnten. Da waren Jungs und Mädels dabei, die hier für mehrere Tage oder gar für 2-3 Monate im Tempel blieben. Einige waren aber etwas aus-der-Welt-gerückt, oder hatten das Tempelleben mittlerweile gar satt. Sonderlich kontaktfreudig war da niemand.

Um 19 Uhr gingen wir dann in eine Trainingshalle und beteten dort erst einmal eine halbe Stunde. Ich machte einfach mal das, was die anderen machten, fühlte mich aber noch ziemlich fehl am Platz. Und danach, um 19:30 Uhr, ging das Training los.

Die Mönche in diesem Tempel praktizieren Sunmudo, eine dem Taekwando ähliche Kampfsportart, die nur an ein paar wenigen Orten in Korea gelehrt wird. Außer den Mönchen gab es noch zwei junge Männer, einer aus Frankreich und einer aus Norwegen, die sich hier für 3 oder mehr Jahre "verpflichtet" hatten und nun den Trainingswilligen Sunmudo beibrachten.

Und eigentlich hatte ich gedacht, dass man da ein wenig zusieht und vielleicht ein paar Mediationsübungen mitmacht. Aber nix da. Da wird jeder Neuankömmling gleich voll integriert. Mit einer kurzen Mediation ging es los, dann machten wir Bodenübungen, und schließlich komplizierte Abfolgen von Tritten und Schlägen. Immerhin war ich nicht unbedingt der schlechteste von den Anwesenden, einige von den jüngeren Koreanern hatten auch schon sichtlich keine Lust mehr. Aber mein Gleichgewichtssinn war ziemlich übel, wenn man da mit einem Bein herumstand, das andere angewinkelt gegen das Knie gepresst, und man dann noch auf die Zehen stehen musste... heieiei.

Hier hab ich (nicht) geschlafen
Hinter uns übten die Langzeitler sowie ein paar Mönche die verrücktesten Sprünge und Tritte. Und dieses Trainingsprogramm dauerte 90 Minuten. Hinterher war ich total verschwitzt und total fertig. Da ich da natürlich keine Fotos machen konnte, gibts hiermit auch wieder zwei Bilder aus dem Internet. Das eine zeigt das Gebet, das andere einen Mönch bei einem Sunmudo-Sprung. Viele Leute waren aber nicht anwesend. Beim Training waren es ungefähr 10-15, davon 6 einschließilch mir, die unter einem Monat im Tempel blieben.

Der norwegische Sunmudo-Lehrer (der sicher nicht älter als 30 war) erklärte mir dann noch die Regeln fürs Beten, für den Aufenthalt im Tempel an sich, und die Abfolge einer Mediationsübung mit insgesamt 16 Schritten, die ich mir aber nicht merken konnte. Und er meinte, wenn ich nicht zum Morgengebet erschiene, dann müsste ich 1080 Verbeugungen vor Buddha machen und alle Tempelangehörigen müssten zur Strafe hungern. Natürlich mit einem Augenzwinkern, denn sooo genau nahmen die es da wahrlich nicht ;-).

Gebet (Bild aus Internet)
Nach dem Training half jeder mit, den Raum zu putzen, weil ne Menge Schweiß vergossen wurde. Und ein junger Koreaner lieh mir glücklicherweise ein Handtuch, sodass ich duschen konnte. Um 22 Uhr war "Licht aus" angesagt. Wo ich die letzte Zeit immer ein schönes Motelbett gehabt hatte, musste ich nun wieder auf dem Boden schlafen. Allerdings auf viel dünneren Decken als in Hye-Suks Haus. Sehr hart. Sehr übel.

Aber wenn es nur das gewesen wäre, wärs ja noch irgendwie gegangen, immerhin war ich müde. Doch nachts wurde ich immer mal wieder von irgendwelchen winzigen Viechern gestochen. Und jeder der 3 Koreaner, die mit mir im Raum waren, machte ein anderes Geräusch. Zwei schnarchten in verschiedene Tonlagen, und einer musste sich ständig irgendwo kratzen.

Jedenfalls konnte ich nicht schlafen. Und mein Rücken tat ziemlich weh.

Das einzig gute daran war, dass um 4 Uhr heute Morgen ein Mönch mit einem Holztrömmelchen (wie auf dem Gebetsbild zu sehen) vor den Schlafräumen umherzog und singend den neuen Tag begrüßte. Das bedeutete Aufstehen.

Sunmudo -- der hier kanns (Bild aus Internet)
Von 4:30 bis 5:00 Uhr war das Hauptgebet im Schrein inklusive langen buddhistischen Gesängen und einigen Verbeugungen. Und danach setzten wir uns auf ein Kissen mit dem Gesicht zur Wand und machten eine halbe Stunde lang Sitzmeditation. Also 30 Minuten im Meditationssitz herumhocken und versuchen, nicht umzukippen und einzuschlafen. Heftig. Als ich dachte "Mann, ist das lang!" waren erst 15 Minuten vergangen...

Tempelgelände
Nach der Sitzmediation gingen wir eine halbe Stunde lang über das Tempelgelände. Laufmeditation. Und dann, um 6:20 Uhr, gab es endlich Frühstück. Danach hatten wir noch genügend Zeit, sodass ich mich ein wenig ausruhte (aber immer noch nicht schlafen konnte) und mit einem Kanadier sprach, der für 10 Tage nur wegen dem Tempelaufenthalt mit Sunmudo-Training hier nach Südkorea gekommen war.

Um 8:30 Uhr war dann wieder Training angesagt. Dieses Mal "passives Training" im Gegensatz zum "aktiven Training" am Abend. Dies bestand aus ein wenig Meditation und einer langen Reihe von Boden- und Stretchingübungen, die allesamt auch ziemlich schweißtreibend waren, aber nicht so heftig wie das Treten und Schlagen am Abend zuvor. Das ganze dauerte wieder 90 Minuten.

Dem fiele Sunmudo sicher leichter...
Danach gabs nochmal Sitzmeditation von 10:00 bis 10:30 Uhr, bei der ich, der Kanadier sowie einer der Ausbilder allerdings allein waren. Die anderen hatten sich bereits verdrückt. Wahrscheinlich wussten die, warum. Beim Morgengebet waren auch nicht alle erschienen, und wir durften trotzdem was essen.

Das wahrlich heftigste kam dann aber nach der Sitzmeditation, und wahrscheinlich war es das, vor dem die ganzen Leute geflüchtet waren: 108 Verbeugungen vor Buddha. Hammer. So eine Verbeugung geht folgendermaßen: Man legt die Hände zusammen in Gebetshaltung, verbeugt sich, sitzt auf seine Knie (auf ein Kissen), legt die Unterarme ausgestreckt vor die Kniee, beugt sich dann nach vorne und berührt mit der Stirn den Boden, dreht die Unterarme nach oben und hebt sie etwas in die Luft. Dann steht man wieder auf, ohne seine Hände zu Hilfe zu nehmen. Und das machten wir 108 Mal. Mann... nach 40x war ich schon fertig, nach 80x taten meine nackten Zehen heftig weh, und nach 108x war ich verschwitzt aber glücklich.
Zum Dank gab es Tee von der koreanischen Ausbilderin und ein Foto von mir, das mich beim Meditieren zeigt. Dann gabs Mittagessen und ich nahm den Bus zurück in die Stadt.

Jetzt bin ich echt fertig und werde heute sicherlich nicht lange auf bleiben. Meine Beine schmerzen, das rechte aufgrund meiner "Probleme" dort mehr als das andere. Dieser Temple Stay war anstrengend, aber extrem interessant. Die Menschen waren nett und es war schön, mal wieder mit ein paar Leuten zu sprechen. Und nun kann ich behaupten, mal beim Sunmudo-Training mitgemacht zu haben, einer echten buddhistischen Kampfkunst. Und obwohl der Kanadier meinte, dass man nach ein paar Tagen "reinkommen" würde, bin ich eigentlich ganz froh, das ich nur eine Nacht lang dort geblieben war ;-).

Nur weiß ich jetzt noch nicht, was ich morgen mache. Aber kommt Zeit, kommt Rat. Mal schauen, wo mich der Wind (oder der Bus) so hintreibt.

P.S. Und jetzt hab ich auch mal eine dieser Bodentoiletten benutzt, weil die nix anderes hatten (genau wie laut Hye-Suk viele ältere Schulen). Das (einzig) gute daran ist, dass einem nach kurzer Zeit die Beine aufgrund der Hockhaltung so weh tun, dass man keine Sekunde länger als nötig auf dem Örtchen verbringt...
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Dienstag, 19. Juni 2007

Frei wie ein Vogel

Geschrieben von Jens in Korea 2007 um 14:09
Grab von General Kim Yu Shin
Heute Morgen lieh ich mir von dem Einäugigen, der mir vorgestern ein Zimmer für 50.000 Won andrehen wollte, ein Mountain Bike. Gerade mal 6 Euro kostete das für den ganzen Tag. Und der wollte nicht mal einen Ausweis da behalten. Genau so wenig die Leute in den Motels. In Europa muss man überall seine Adresse hinterlegen, aber hier... zahlt man einfach und gut ist. Die haben ein Vertrauen in die Leute.

Das Wetter war nicht das beste, aber immerhin regnete es nicht. Und überhaupt wurde dadurch das Fahrrad fahren leichter. Sooo geübt bin ich ja nun nicht mehr, außerdem hatte ich keine Funktionskleidung.

Durchblick

Verkäuferin an Ampelkreuzung - total verhüllt
Mein erster Stop lag gleich in der Nähe. Das Grab von General Kim Yu Shin, der König Munmu damals half, die 3 Königreiche zu "vereinigen" (was also bedeutet, dass er ne Menge Leute abgeschlachtet hat - aber darüber sieht man ja gerne mal hinweg). Hinter dem Grab ging ich in den Wald, fand ein paar süße Wanderwege und wanderte ein bißchen über den Berg. Von oben hätte man an einem anderen Tag einen guten Ausblick gehabt. Aber wenns ums Wandern geht, ist Korea echt ein Traumland. Die Wanderwege sind sehr schön in die Natur integriert und werden niemals zu groß und niemals zu klein. Und man kann dabei viele Eich- und Streifenhörchen beobachten, die Verfolgungsjagden in den Baumwipfeln machen.
Schrein in der Nähe von Kim Yu Shins Grab
Etwas verschüchtert hat mich dabei jedoch, dass viele Frauen, die mir entgegen kamen, einen Mundschutz (zusätzlich zum Hitzeschild) trugen. Bei der Verkäuferin, die den ganzen Tag an der Straßenampel hockt, kann ich das ja noch verstehen, aber hier im Wald...?

Konfuzianer
Als ich wieder unten war, war ich plötzlich irgendwo anders, und wusste nicht wo. Also ging ich wieder rauf, und dann wieder runter, und war wieder irgendwo anders. Das ist der Nachteil an den vielen Wegen. Jedenfalls ging ich einfach noch ein Stück und fand die Gebäude des Schreins, der in der Nähe des Grabes gebaut wurde. Und dort kam mir dann eine Horde Konfuzianer in traditioneller Tracht entgegen. Sehr schön. Je nachdem wie mans sieht. Immerhin ist der Konfuzianismus quasi dafür verantwortlich, dass sich die jungen Leute heutzutage nicht trauen, sich auf der Straße zu küssen ;-).

Tschuldigung, fand ich einfach lustig
Das Radfahren auf der Straße kann man nur als brutal bezeichnen. Man fühlt sich auf diesen 4-spurigen Straßen wie auf einer Autobahn. Ständig rollte Schwerlastverkehr an einem vorbei. Von daher fuhr ich auf den Bürgersteigen, die teilweise auch als Radweg ausgezeichnet waren, obwohl Koreaner nur wandern und nicht radfahren. Das war ähnlich holprig wie ein Bike-Trail im Wald, nur schluckte ich hier weit mehr Abgase. Gesund war dieser Trip wahrscheinlich nicht.

Reis, Reis, Reis, Reis, Reis
Mein Weg führte mich Richtung Süden - Kompass sei Dank, denn die Straßenschilder sind hier nicht sehr aussagekräftig. Manchmal steht zwar der Ort dort, wo man hin will, aber Kilometerangaben sucht man vergeblich. Und so kam es auch, dass ich mich... ein wenig verschätzte. Ich hätte nicht gedacht, dass es so weit ist bis zum Bulguksa-Tempel. Blöd aber auch, dass auf der Karte jeglicher Maßstab fehlte.

Ich und mein Bike - noch nicht erschöpft
Aber was solls. Auf dem Weg sah ich ein paar interessante Örtchen, die ich sonst nicht gesehen hätte. Und viel Schwerlastverkehr. Und viele Reisfelder. Und natürlich noch ein paar Gräber.

Uuuups...!
Auf dem Weg bog ich einmal Richtung Westen ab, einfach mal auf gut Glück. Auf dieser Straße fuhr fast kein Auto, und am hinteren Ende befand sich ein palastartiges Gebäude, das sich als "Unification Hall" herausstellte, die in den Achtzigern von irgendeinem Präsidenten errichtet wurde, um das im 7. Jahrhundert vereinigte Korea zu würdigen.

Tongiljeon Vereinigungshalle
So richtig toll war das leider nicht, und außer mir waren vielleicht noch 3 andere Leute da, genau wie bei den ganzen anderen Sehenswürdigkeiten. Der Mann im Ticketshop schlief sogar und ich musste ihn wecken, damit er meine 30 Cent Eintritt nehmen konnte. Fast jede Sehenswürdigkeit hier kostet Eintritt. Niemals viel, meist zwischen 50 Cent und 3 Euro. Aber es läppert sich natürlich zusammen. An diesem Ort aß ich auch zu Mittag. Das was ich wollte, gab es wohl gerade nicht, also nahm ich was anderes, was auch gut war (so lange ich aufpasse, kein "Naksshi" oder "Ojingo" zu nehmen - also Tintenfisch und Octopus -, kann eigentlich nichts schief gehen). Ich war der einzige Gast. Ich frage mich, ob die Leute da echt den ganzen Tag darauf warten, bis mal jemand zum Essen kommt...

Bulguksa-Tempel
Am Ende, kurz vor Bulguksa, gab es dann noch eine heftige Steigung zu bewältigen. Aber meine Muskeln waren warm, und ein wenig Kraft aus den "guten Zeiten" steckt noch in mir. Das waren sicherlich 20 km bis zum Tempel. Und es sollten nochmal rund 15 km zurück sein. Argh.

Ich und mein Bike - erschöpft
Bulguksa war dann auch ein sehr schöner Tempel, auch wenn ich deshalb vielleicht nicht extra mit dem Fahrrad hätte hinfahren müssen. Ich dachte, es gäbe einen Haufen Dinge zu sehen auf der Fahrt. Ein paar interessante Sachen fand ich ja auch (nicht alle historischen Urpsrungs), und überhaupt fuhr ich ja wegen dem Fahren. Es war geil, mal wieder zu radeln. Auch wenn mir jetzt der Hintern kräftig weh tut.

Bulguksa
Von Bulguksa wollte ich dann eigentlich noch rauf zur Soekguram-Grotte mit einer weltbekannten Budda-Statue. Doch dummerweise fuhr der Shuttlebus nur stündlich, und zwar ab 17:40 Uhr. Es war schon 17 Uhr, und der Bus zurück würde erst um 18:20 fahren. Und eigentlich sollte ich mein Rad bis um 18 Uhr wieder zurück bringen.
Bulguksa
Also wurde aus Soekguram erstmal nichts. Mal sehen, vielleicht nehm ich morgen früh den Bus und fahre nochmal hin.

Als ich zurück in der Stadt war, war ich total fertig. Ich duschte kräftig, wusch meine Kleidung und ging dann wieder essen.
Dieses Mal gabs Kimchi-pok-kkum-pap, im Prinzip Kimchi-Reis. War lecker, aber viel zu viel.

Bulguksa - Wolken verhüllen den heiligen Berg
Jetzt muss ich mal sehen, ob das mit dem Tempel morgen klappt. Wenn ja, gibts den nächsten Eintrag erst am Donnerstag.

P.S. Der Titelspruch für den heutigen Eintrag stand übrigens auf meinem Rad ;-).
Kommentare (4)
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