Freitag, 30. Juli 2010
Kulturkrämpfe
Die verwaschenen Bilder der nächtlichen Busfahrt irren noch immer in meinem Kopf umher. Die müden Gesichter der Vietnamesen. Der kleine Kerl neben mir, der kein Problem damit hatte, morgens um Fünf laute vietnamesische Schunkelsongs auf seinem Handy abzuspielen. Und der Unfall, an dem wir vorbei gefahren sind. Ein Toyota-Geländewagen stand verbeult auf der Straße, alle Airbags aufgeblasen. Drum herum dutzende Männer und Kinder, die völlig ungläubig die Szenerie anstarrten. Ein Unfall! Wie kann denn das passieren! So rücksichtsvoll wie wir hier fahren!
Und ich denke an den Gang über den Markt in Ninh Binh, wo ich mich dafür verteufelt habe, die Kamera nicht dabei gehabt zu haben, weil der Akku leer war. So konnte ich nicht die abgeschnittenen und vorgegarten Hundeköpfe fotografieren, deren Augen und fletschenden Zähne Richtung Kunde zeigten. Ich fand das erstaunlich, denn ich hatte nicht erwartet, dass die Vietnamesen Hunde essen. Und tatsächlich: Heute wurden wir darüber aufgeklärt, dass es in Vietnam über 50 verschiedene Volksgruppen gibt, darunter chinesisch-stämmige, die eben auch Hunde essen. Das wiederum passt den Vietnamesen nicht. Sie sagen: "Die Chinesen haben keine Kultur, die essen Hunde!"
Die letzten zwei Tage haben wir Paläste und Grabstätten der Nguyen-Herrscher besichtigt. Hue war die Kaiserstadt und zugleich Hauptstadt von Südvietnam. Aufgrund der diversen Kriege waren keine Gebäude älter als 150 Jahre, und doch sahen sie aus, als würden sie dort schon Ewigkeiten stehen. Die Altstadt von Hue, die an der Nordseite des Parfümflusses liegt, wird von einer meterdicken, zehn Kilometer langen Festungsmauer umschlossen, in die es nur zehn Eingänge gibt, gerade so breit, dass ein Auto hindurch passt. Innerhalb dieses Bereichs, der "Zitadelle" genannt wird und der im amerikanischen Krieg von den Vietcong für mehrere Tage besetzt war, steht die "kaiserliche Stadt", wiederum umschlossen von dicken Mauern.
Innerhalb dieser Stadt in der Stadt residierte der König und relaxte in den groß angelegten Gärten im nördlichen Bereich. Viel ist nicht von den Gebäuden übrig geblieben. Die Zitadelle wurde von den Amerikanern 1968 während der Tet-Offensive mehrfach bombardiert, nachdem die Vietcongs begonnen hatten, die "unkooperativen Elemente" (Reiche, Intellektuelle, Mönche, Priester) auf brutalste Weise zu töten. Über 10.000 Menschen starben in Hue, darunter nur 600 Soldaten, der Rest Zivilisten.
Wir haben uns für einen lächerlichen Dollar Fahrräder gemietet (Corinna regt sich immer drüber auf, dass ein Kilo Wäsche waschen mehr kostet als ein Fahrrad für einen Tag) und sind mit diesen aus der Stadt hinaus gefahren, hin zu anderen Pagodas, Palästen und Gräbern. Das schönste und beeindruckendste war die Grabstätte von Tu Duc, die 1867 fertig gestellt wurde. Der gerade mal 1,53m kleine Tu Duc, der dort lebte und sich begraben ließ, führte ein ausschweifendes Leben. Er hatte 104 Frauen und unzählige Konkubinen, aber keine Nachkommen. Man vermutet, dass er durch eine Pockeninfektion impotent geworden war.
Die Gräber selbst, umschlossen von mehreren Mauerringen, sind nur eine Ablenkung. Um Grabräubern keine Chance zu geben, wurde Tu Duc zusammen mit unzähligen Reichtümern an einem unbekannten Ort begraben. Die 200 Diener, die das Grab aushoben und somit den Ort kannten, wurden kurzerhand geköpft. Harte Zeiten!
Nachdem wir etwa zehn Mal nach dem Weg gefragt hatten, fanden wir auch endlich "Ho Quyen", eine nur 40 Meter durchmessende Arena, in der die damaligen Herrscher Elefanten gegen Tiger antreten ließen. Da den armen Kätzchen die Krallen und Zähne gestutzt wurden, triumphierten die Dickhäuter, die ein Symbol könglicher Macht waren, bei jedem einzelnen Kampf.
Kaum waren wir da, kamen drei kleine Kinder herbei gerannt, die uns Armreifen und anderes kitschiges Zeug verkaufen wollten. Wir haben nichts gekauft, aber die Kleinen, vor allem das Mädchen, waren verdammt süß. Sie war total fasziniert von den Bildern auf unserer Kamera und wollte ganz viele Bilder von uns machen.
Abends sind wir mit zwei Schweizern, die wir in Ninh Binh kennen gelernt hatten, Essen gegangen. Sie schlugen ein Restaurant vor, das etwas außerhalb unserer normalen Preisklasse lag. Aber da selbst diese mit 10 Dollar pro Person noch deutlich im Rahmen lag, ließen wir uns dazu überreden. Leider hatte ich immer noch Magenkrämpfe, und so konnte ich das achtgängige Mahl nicht wirklich genießen. Jeder Gang wurde auf eine besondere Art serviert, dekoriert mit aus Karotten geschnitzten Figuren und aus Tomatenschalen gedrehten Rosen.
Mir hat es gut getan, mich mal wieder ausgiebigst in Alemannisch unterhalten zu können. Für die Berner (der eine kam aus dem Emmental) war das zwar ein seltsames "Baseldütsch", aber wir haben uns gut verstanden. Sogar Corinna hat fast alles perfekt verstanden, was mich durchaus überrascht hat. Wir tranken noch einen vietnamesischen Vodka in der DMZ Bar, sahen ein paar rotnasigen Iren beim Billiardspielen zu, und gingen kurz nach Zwölf zurück zum Hotel. Das hatte natürlich wieder geschlossen, und der Hotelier sah nicht sonderlich begeistert aus, dass er uns aufschließen musste.
Die scheiß Magenkrämpfe hatten mir den ganzen Abend verdorben. Seit drei Tagen kamen und gingen diese, und ich dachte, das müsste doch endlich wieder besser werden. Doch als ich an diesem Abend Blut in der Toilette sah, war mir klar, dass es so einfach dann doch nicht funktionieren konnte...
ICH WAR NOCH NIEMALS KRANK IM URLAUB!
Nur um das mal festzuhalten. Wir sind heute Morgen weiter nach Süden gefahren, in eine kleine Stadt namens Hoi An. Hier haben wir in ein Hotel eingecheckt, das eine Australierin uns am ersten Tag wärmstens empfohlen hatte. Damals winkte ich noch ab und sagte: "25 Dollar! Nein danke, wir reisen auf Budget." Doch heute fand ich, dass mir etwas Ruhe und ein klein wenig Luxus ganz gut tun würde. Hier haben wir ein großes Zimmer, ein marmorgefliestes Bad, einen kleinen Swimmingpool im Garten, es gibt Frühstück im Hotel und kostenlose Fahrräder.
Die netten Damen an der Rezeption haben mir einen Doktor gerufen. Der war bereits nach 15 Minuten da und diagnostizierte eine "Dysenterie" - früher bekannt als "Ruhr". Das ist so was ganz ekliges, wo sich irgendwelche Bakterien im Darm einbuddeln, dort ne wilde Party feiern und dabei Entzündungen verursachen. Er hat mich auf einen Diätplan gesetzt ("keine Früchte, keine Säfte, kein Gemüse, keine Marmelade, kein Alkohol, kein Kaffee" - yikes!) und mir Tabletten gegeben, die die Bakterien töten und die Zysten in meinem Bauch entfernen sollen. Sehr genial. Laut Lonely Planet ist die Krankheit "sehr selten in Reisenden". Und ich, der ich sonst nie was kriege, fange mir genau das ein.
Aber gut. Besser als Dengue und Malaria. Hab eine läppische Million für die Behandlung gezahlt. Aber die 40 Euro krieg ich ja vielleicht von meiner Versicherung zurück. Nun schau ich, dass ich schnell gesund werde, sodass wir die nächsten Tage wirklich genießen können. Die Magenkrämpfe sind schon fast verschwunden, von daher bin ich absolut optimistisch
Und ich denke an den Gang über den Markt in Ninh Binh, wo ich mich dafür verteufelt habe, die Kamera nicht dabei gehabt zu haben, weil der Akku leer war. So konnte ich nicht die abgeschnittenen und vorgegarten Hundeköpfe fotografieren, deren Augen und fletschenden Zähne Richtung Kunde zeigten. Ich fand das erstaunlich, denn ich hatte nicht erwartet, dass die Vietnamesen Hunde essen. Und tatsächlich: Heute wurden wir darüber aufgeklärt, dass es in Vietnam über 50 verschiedene Volksgruppen gibt, darunter chinesisch-stämmige, die eben auch Hunde essen. Das wiederum passt den Vietnamesen nicht. Sie sagen: "Die Chinesen haben keine Kultur, die essen Hunde!"
Die letzten zwei Tage haben wir Paläste und Grabstätten der Nguyen-Herrscher besichtigt. Hue war die Kaiserstadt und zugleich Hauptstadt von Südvietnam. Aufgrund der diversen Kriege waren keine Gebäude älter als 150 Jahre, und doch sahen sie aus, als würden sie dort schon Ewigkeiten stehen. Die Altstadt von Hue, die an der Nordseite des Parfümflusses liegt, wird von einer meterdicken, zehn Kilometer langen Festungsmauer umschlossen, in die es nur zehn Eingänge gibt, gerade so breit, dass ein Auto hindurch passt. Innerhalb dieses Bereichs, der "Zitadelle" genannt wird und der im amerikanischen Krieg von den Vietcong für mehrere Tage besetzt war, steht die "kaiserliche Stadt", wiederum umschlossen von dicken Mauern.
Innerhalb dieser Stadt in der Stadt residierte der König und relaxte in den groß angelegten Gärten im nördlichen Bereich. Viel ist nicht von den Gebäuden übrig geblieben. Die Zitadelle wurde von den Amerikanern 1968 während der Tet-Offensive mehrfach bombardiert, nachdem die Vietcongs begonnen hatten, die "unkooperativen Elemente" (Reiche, Intellektuelle, Mönche, Priester) auf brutalste Weise zu töten. Über 10.000 Menschen starben in Hue, darunter nur 600 Soldaten, der Rest Zivilisten.
Wir haben uns für einen lächerlichen Dollar Fahrräder gemietet (Corinna regt sich immer drüber auf, dass ein Kilo Wäsche waschen mehr kostet als ein Fahrrad für einen Tag) und sind mit diesen aus der Stadt hinaus gefahren, hin zu anderen Pagodas, Palästen und Gräbern. Das schönste und beeindruckendste war die Grabstätte von Tu Duc, die 1867 fertig gestellt wurde. Der gerade mal 1,53m kleine Tu Duc, der dort lebte und sich begraben ließ, führte ein ausschweifendes Leben. Er hatte 104 Frauen und unzählige Konkubinen, aber keine Nachkommen. Man vermutet, dass er durch eine Pockeninfektion impotent geworden war.
Die Gräber selbst, umschlossen von mehreren Mauerringen, sind nur eine Ablenkung. Um Grabräubern keine Chance zu geben, wurde Tu Duc zusammen mit unzähligen Reichtümern an einem unbekannten Ort begraben. Die 200 Diener, die das Grab aushoben und somit den Ort kannten, wurden kurzerhand geköpft. Harte Zeiten!
Nachdem wir etwa zehn Mal nach dem Weg gefragt hatten, fanden wir auch endlich "Ho Quyen", eine nur 40 Meter durchmessende Arena, in der die damaligen Herrscher Elefanten gegen Tiger antreten ließen. Da den armen Kätzchen die Krallen und Zähne gestutzt wurden, triumphierten die Dickhäuter, die ein Symbol könglicher Macht waren, bei jedem einzelnen Kampf.
Kaum waren wir da, kamen drei kleine Kinder herbei gerannt, die uns Armreifen und anderes kitschiges Zeug verkaufen wollten. Wir haben nichts gekauft, aber die Kleinen, vor allem das Mädchen, waren verdammt süß. Sie war total fasziniert von den Bildern auf unserer Kamera und wollte ganz viele Bilder von uns machen.
Abends sind wir mit zwei Schweizern, die wir in Ninh Binh kennen gelernt hatten, Essen gegangen. Sie schlugen ein Restaurant vor, das etwas außerhalb unserer normalen Preisklasse lag. Aber da selbst diese mit 10 Dollar pro Person noch deutlich im Rahmen lag, ließen wir uns dazu überreden. Leider hatte ich immer noch Magenkrämpfe, und so konnte ich das achtgängige Mahl nicht wirklich genießen. Jeder Gang wurde auf eine besondere Art serviert, dekoriert mit aus Karotten geschnitzten Figuren und aus Tomatenschalen gedrehten Rosen.
Mir hat es gut getan, mich mal wieder ausgiebigst in Alemannisch unterhalten zu können. Für die Berner (der eine kam aus dem Emmental) war das zwar ein seltsames "Baseldütsch", aber wir haben uns gut verstanden. Sogar Corinna hat fast alles perfekt verstanden, was mich durchaus überrascht hat. Wir tranken noch einen vietnamesischen Vodka in der DMZ Bar, sahen ein paar rotnasigen Iren beim Billiardspielen zu, und gingen kurz nach Zwölf zurück zum Hotel. Das hatte natürlich wieder geschlossen, und der Hotelier sah nicht sonderlich begeistert aus, dass er uns aufschließen musste.
Die scheiß Magenkrämpfe hatten mir den ganzen Abend verdorben. Seit drei Tagen kamen und gingen diese, und ich dachte, das müsste doch endlich wieder besser werden. Doch als ich an diesem Abend Blut in der Toilette sah, war mir klar, dass es so einfach dann doch nicht funktionieren konnte...
ICH WAR NOCH NIEMALS KRANK IM URLAUB!
Nur um das mal festzuhalten. Wir sind heute Morgen weiter nach Süden gefahren, in eine kleine Stadt namens Hoi An. Hier haben wir in ein Hotel eingecheckt, das eine Australierin uns am ersten Tag wärmstens empfohlen hatte. Damals winkte ich noch ab und sagte: "25 Dollar! Nein danke, wir reisen auf Budget." Doch heute fand ich, dass mir etwas Ruhe und ein klein wenig Luxus ganz gut tun würde. Hier haben wir ein großes Zimmer, ein marmorgefliestes Bad, einen kleinen Swimmingpool im Garten, es gibt Frühstück im Hotel und kostenlose Fahrräder.
Die netten Damen an der Rezeption haben mir einen Doktor gerufen. Der war bereits nach 15 Minuten da und diagnostizierte eine "Dysenterie" - früher bekannt als "Ruhr". Das ist so was ganz ekliges, wo sich irgendwelche Bakterien im Darm einbuddeln, dort ne wilde Party feiern und dabei Entzündungen verursachen. Er hat mich auf einen Diätplan gesetzt ("keine Früchte, keine Säfte, kein Gemüse, keine Marmelade, kein Alkohol, kein Kaffee" - yikes!) und mir Tabletten gegeben, die die Bakterien töten und die Zysten in meinem Bauch entfernen sollen. Sehr genial. Laut Lonely Planet ist die Krankheit "sehr selten in Reisenden". Und ich, der ich sonst nie was kriege, fange mir genau das ein.
Aber gut. Besser als Dengue und Malaria. Hab eine läppische Million für die Behandlung gezahlt. Aber die 40 Euro krieg ich ja vielleicht von meiner Versicherung zurück. Nun schau ich, dass ich schnell gesund werde, sodass wir die nächsten Tage wirklich genießen können. Die Magenkrämpfe sind schon fast verschwunden, von daher bin ich absolut optimistisch
Mittwoch, 28. Juli 2010
Landleben
Von der Insel aus sind wir ein paar Stunden nach Süden gefahren, in eine Kleinstadt namens Ninh Binh. Als wir aus dem Bus stiegen, ließ ich mich von einem Mann bequatschen, der sein Hotel als "peaceful and cheap" ankündigte.
Nun ja. Es gibt eine einzige laute Straße, die diesen kleinen Ort durchquert. Ein vierspuriger Highway, auf dem die schwersten Laster fahren. Das Hotel lag direkt an dieser Straße. Da wir keine Lust hatten, weiter zu suchen, blieben wir jedoch dort. Nachts ab 1 Uhr oder so war es relativ ruhig. Doch da bei den Vietnamesen der Tag um 5 Uhr beginnt und um 22 Uhr endet, wurde gleich morgens wieder ein wildes Hupkonzert veranstaltet. Man kann das gar nicht anders bezeichnen. Ein Laster fährt die Straße lang und drückt zehn Mal hintereinander auf seine dröhnende Hupe. Kann natürlich auch sein, dass das Regierungsbeamte sind, die ihre kommunistischen Landbewohner zur Arbeit aufwecken. Wer weiß das schon.
Abseits der Straße war es endlich ruhig. In Ninh Binh wird man als Tourist nicht wie in den bekannteren Städten von allen Seiten bedrängt, sondern höchstens mal interessiert angeschaut. Wir bummelten über den Markt und aßen in einem vom Lonely Planet empfohlenen Restaurant. Dort hatte die Gastfreundschaft jedoch gerade Urlaub. Alle Mitglieder der Familie saßen müde in der Gegend herum, starrten an die kahlen Wände, und selbst auf unser Winken und Rufen wurde erst nach Minuten reagiert. Noch dazu war das Essen nicht gut, und später (vermutlich davon) bekam ich Magenkrämpfe, die bis heute nicht ganz verschwunden sind.
Gestern liehen wir uns ein paar klapprige Oma-Fahrräder und fuhren aus der Stadt hinaus. Wir hatten einen der wenigen Tage erwischt, an denen es fast den ganzen Tag hindurch regnete. Erst um Zwölf verließen wir das Hotel. Kaum waren wir vom Highway runter, wurde es ruhiger. Seelenruhig. Und das krasse war: Wenn ein Auto oder ein Roller von hinten kam, wurde nicht mal gehupt. Gut, die Straße war zehn Meter breit und es war keinerlei Verkehr. Vermutlich eine alte wichtige Nachschubstraße aus Kriegszeiten.
Wir fuhren weiter zu den Trang An-Grotten, eine neuere Attraktion, bei der man noch nicht so von Verkäuferinnen bedrängt wird wie im Nationalpark. Wir stiegen zu zweit in ein Boot und ließen uns von der Ruderin zweieinhalb Stunden über den wahnsinnig ruhigen Fluss und durch rund zehn Grotten hindurch schippern. Die Decken der Grotten waren teils so niedrig, dass wir uns ducken mussten. Faszinierend war, wie die Ruderer die Boote geschickt so lenkten, dass die Köpfe der Touristen heil blieben.
Bei dieser Fahrt hat es in Strömen geregnet. Wir saßen in unseren Regenponchos auf dem Boot und ruderten kräftig mit. Fotografieren war kaum möglich, und die anderen Bilder sind aufgrund des Wetters nicht gut geworden. Doch trotz allem war das mit das beste, was wir hier in Vietnam gemacht haben. Die Karstfelsen, unter denen die Grotten hindurch gingen. Das Schilfgras am Ufer. Die vernebelten Berge. Die unterschiedlichen Farben des Wassers. Ruhig. Wunderschön. Beeindruckend.
Auf der Rückfahrt fuhr Corinna in einen kleinen Weg hinein, der uns durch kleine Dörfchen führte. Hier sahen wir zum ersten Mal das "echte" Landleben. Die Streifenhäuschen (vorne hui, Seite pfui) gab es auch hier. Alle Kinder winkten uns zu, riefen "Hello". Es war ziemlich witzig. Und die Landschaft dort draußen toppte alles, was wir bisher gesehen hatten.
Natürlich war Corinna auch hier neugierig, und so ging sie in diesem Dörfchen in ein Restaurant hinein, in dem gerade rund 20 Jugendliche gemeinsam aßen. Alle waren total von den Socken, dass wir tatsächlich dort essen wollten. Wir bestellten uns etwas, was die anderen auf dem Tisch hatten und wurden ein paar Mal fotografiert. Ich schätze, vor uns haben sich dort nicht viele Touristen hin verirrt.
Da wir nicht abwarten wollten, wie das Wetter am nächsten Tag sein würde, ließ ich mich zu etwas überreden, was ich auf eigene Faust nie getan hätte: Mit dem Nachtbus weiter in den Süden zu fahren. Für den typischen Backpacker, der überall pennen kann, ist sowas ja kein Problem. Aber ich, der ich da eben wahnsinnig empfindlich bin, ist das die Hölle. Doch da die Distanzen hier in Vietnam groß sind und Zwischenstopps ebenfalls anstrengend, ließ ich mich widerwillig auf die Tortur ein.
Es war schrecklich. Die schlimmste Erfahrung in meinem Urlaub. Fast zwölf Stunden saßen wir in diesem scheiß Bus, von 21:30 Uhr bis 9:00 Uhr. Ganz vorne im Bus hing ein Fernseher, auf dem die doofsten Kung Fu-Filme liefen, die man sich vorstellen kann. Vermutlich Hongkong-Produktionen. Das wär mir ja egal gewesen, aber die Vietnamesen synchronisieren diese Filme auf eine sehr... nun ja, "simple" Art und Weise. Es gab nur einen Sprecher und eine Sprecherin für alle Charaktere. Noch dazu wurden alle "Ah" "Uff" "Batsch" "Klatsch" "Iiiks" "Yei" und so weiter - Kung fu - Laute ebenfalls so synchronisiert. Ich habe noch nie etwas nervigeres gehört als das. Nicht dass ich überhaupt hätte schlafen können, aber zumindest hätte ich gerne etwas gedöst.
Nicht mal einen ordentlichen Toilettenhalt gab es in der Nacht. Einmal um 2 Uhr morgens hielt der Bus mitten auf der Straße an. Die vietnamesischen Männer stiegen aus und stellten sich total verstreut zum Pinkeln auf die Straße. Ich war froh, dass meine Magenkrämpfe nicht schlimmer wurden, doch es war dennoch eine Qual. Morgens um 6 Uhr gab es nochmal eine Pinkelpause. In einer Art Restaurant, wo das Damenklo aus einem kahlen Raum mit Abflussloch an der hinteren Wand bestand. Und wo es diese hübschen Bodentoiletten gab - eines der Dinge, die ich in Asien niemals vermissen werde.
Ich weiß nicht, wie ich das überstanden habe. Ich war verspannt und hatte Kopfschmerzen, ich war müde und konnte dennoch nicht gut schlafen, als wir endlich im Hotel waren. Doch mittlerweile, jetzt nach einem Tag, scheint alles wieder gut. Wir sind in Hué gelandet, eine Stadt in Zentralvietnam. Weil wir im fünfsten Stock sind und WLAN nicht bis ganz oben reichte, hat der Hotelier heute im strömen Regen draußen auf dem Dach herum gekraxelt und hat ein Netzwerkkabel zu mir ins Zimmer gelegt, an das ich den Access Point anstöpseln konnte. Sehr schön. Guter Mann!
Nun ja. Es gibt eine einzige laute Straße, die diesen kleinen Ort durchquert. Ein vierspuriger Highway, auf dem die schwersten Laster fahren. Das Hotel lag direkt an dieser Straße. Da wir keine Lust hatten, weiter zu suchen, blieben wir jedoch dort. Nachts ab 1 Uhr oder so war es relativ ruhig. Doch da bei den Vietnamesen der Tag um 5 Uhr beginnt und um 22 Uhr endet, wurde gleich morgens wieder ein wildes Hupkonzert veranstaltet. Man kann das gar nicht anders bezeichnen. Ein Laster fährt die Straße lang und drückt zehn Mal hintereinander auf seine dröhnende Hupe. Kann natürlich auch sein, dass das Regierungsbeamte sind, die ihre kommunistischen Landbewohner zur Arbeit aufwecken. Wer weiß das schon.
Abseits der Straße war es endlich ruhig. In Ninh Binh wird man als Tourist nicht wie in den bekannteren Städten von allen Seiten bedrängt, sondern höchstens mal interessiert angeschaut. Wir bummelten über den Markt und aßen in einem vom Lonely Planet empfohlenen Restaurant. Dort hatte die Gastfreundschaft jedoch gerade Urlaub. Alle Mitglieder der Familie saßen müde in der Gegend herum, starrten an die kahlen Wände, und selbst auf unser Winken und Rufen wurde erst nach Minuten reagiert. Noch dazu war das Essen nicht gut, und später (vermutlich davon) bekam ich Magenkrämpfe, die bis heute nicht ganz verschwunden sind.
Gestern liehen wir uns ein paar klapprige Oma-Fahrräder und fuhren aus der Stadt hinaus. Wir hatten einen der wenigen Tage erwischt, an denen es fast den ganzen Tag hindurch regnete. Erst um Zwölf verließen wir das Hotel. Kaum waren wir vom Highway runter, wurde es ruhiger. Seelenruhig. Und das krasse war: Wenn ein Auto oder ein Roller von hinten kam, wurde nicht mal gehupt. Gut, die Straße war zehn Meter breit und es war keinerlei Verkehr. Vermutlich eine alte wichtige Nachschubstraße aus Kriegszeiten.
Wir fuhren weiter zu den Trang An-Grotten, eine neuere Attraktion, bei der man noch nicht so von Verkäuferinnen bedrängt wird wie im Nationalpark. Wir stiegen zu zweit in ein Boot und ließen uns von der Ruderin zweieinhalb Stunden über den wahnsinnig ruhigen Fluss und durch rund zehn Grotten hindurch schippern. Die Decken der Grotten waren teils so niedrig, dass wir uns ducken mussten. Faszinierend war, wie die Ruderer die Boote geschickt so lenkten, dass die Köpfe der Touristen heil blieben.
Bei dieser Fahrt hat es in Strömen geregnet. Wir saßen in unseren Regenponchos auf dem Boot und ruderten kräftig mit. Fotografieren war kaum möglich, und die anderen Bilder sind aufgrund des Wetters nicht gut geworden. Doch trotz allem war das mit das beste, was wir hier in Vietnam gemacht haben. Die Karstfelsen, unter denen die Grotten hindurch gingen. Das Schilfgras am Ufer. Die vernebelten Berge. Die unterschiedlichen Farben des Wassers. Ruhig. Wunderschön. Beeindruckend.
Auf der Rückfahrt fuhr Corinna in einen kleinen Weg hinein, der uns durch kleine Dörfchen führte. Hier sahen wir zum ersten Mal das "echte" Landleben. Die Streifenhäuschen (vorne hui, Seite pfui) gab es auch hier. Alle Kinder winkten uns zu, riefen "Hello". Es war ziemlich witzig. Und die Landschaft dort draußen toppte alles, was wir bisher gesehen hatten.
Natürlich war Corinna auch hier neugierig, und so ging sie in diesem Dörfchen in ein Restaurant hinein, in dem gerade rund 20 Jugendliche gemeinsam aßen. Alle waren total von den Socken, dass wir tatsächlich dort essen wollten. Wir bestellten uns etwas, was die anderen auf dem Tisch hatten und wurden ein paar Mal fotografiert. Ich schätze, vor uns haben sich dort nicht viele Touristen hin verirrt.
Da wir nicht abwarten wollten, wie das Wetter am nächsten Tag sein würde, ließ ich mich zu etwas überreden, was ich auf eigene Faust nie getan hätte: Mit dem Nachtbus weiter in den Süden zu fahren. Für den typischen Backpacker, der überall pennen kann, ist sowas ja kein Problem. Aber ich, der ich da eben wahnsinnig empfindlich bin, ist das die Hölle. Doch da die Distanzen hier in Vietnam groß sind und Zwischenstopps ebenfalls anstrengend, ließ ich mich widerwillig auf die Tortur ein.
Es war schrecklich. Die schlimmste Erfahrung in meinem Urlaub. Fast zwölf Stunden saßen wir in diesem scheiß Bus, von 21:30 Uhr bis 9:00 Uhr. Ganz vorne im Bus hing ein Fernseher, auf dem die doofsten Kung Fu-Filme liefen, die man sich vorstellen kann. Vermutlich Hongkong-Produktionen. Das wär mir ja egal gewesen, aber die Vietnamesen synchronisieren diese Filme auf eine sehr... nun ja, "simple" Art und Weise. Es gab nur einen Sprecher und eine Sprecherin für alle Charaktere. Noch dazu wurden alle "Ah" "Uff" "Batsch" "Klatsch" "Iiiks" "Yei" und so weiter - Kung fu - Laute ebenfalls so synchronisiert. Ich habe noch nie etwas nervigeres gehört als das. Nicht dass ich überhaupt hätte schlafen können, aber zumindest hätte ich gerne etwas gedöst.
Nicht mal einen ordentlichen Toilettenhalt gab es in der Nacht. Einmal um 2 Uhr morgens hielt der Bus mitten auf der Straße an. Die vietnamesischen Männer stiegen aus und stellten sich total verstreut zum Pinkeln auf die Straße. Ich war froh, dass meine Magenkrämpfe nicht schlimmer wurden, doch es war dennoch eine Qual. Morgens um 6 Uhr gab es nochmal eine Pinkelpause. In einer Art Restaurant, wo das Damenklo aus einem kahlen Raum mit Abflussloch an der hinteren Wand bestand. Und wo es diese hübschen Bodentoiletten gab - eines der Dinge, die ich in Asien niemals vermissen werde.
Ich weiß nicht, wie ich das überstanden habe. Ich war verspannt und hatte Kopfschmerzen, ich war müde und konnte dennoch nicht gut schlafen, als wir endlich im Hotel waren. Doch mittlerweile, jetzt nach einem Tag, scheint alles wieder gut. Wir sind in Hué gelandet, eine Stadt in Zentralvietnam. Weil wir im fünfsten Stock sind und WLAN nicht bis ganz oben reichte, hat der Hotelier heute im strömen Regen draußen auf dem Dach herum gekraxelt und hat ein Netzwerkkabel zu mir ins Zimmer gelegt, an das ich den Access Point anstöpseln konnte. Sehr schön. Guter Mann!
Montag, 26. Juli 2010
Mot Hai Ba Sooo!
Die letzten zwei Tage waren vermutlich die verrücktesten meines Lebens. Ich bin besoffen durch die Gegend gezogen, habe mit einer Horde Vietnamesen Karaoke gesungen, bin irgendwie in einem fremden Hotel aufgewacht, und ich wurde von bellenden Hunden durch die verschlafenen Straßen gejagt.
Nein, ihr braucht euch nicht zu vergewissern. Das ist tatsächlich immer noch mein Blog. Und deshalb fange ich lieber mal am Anfang an. Da, wo noch alles gesittet und ruhig zuging, wo der Tag noch einen planbaren Eindruck machte. Zu dem Zeitpunkt morgens auf der Insel, als ich dachte, ich würde abends um Zehn im Hotel auf dem Bett sitzen und schreiben, wie partylos und ruhig mein Geburtstag dieses Jahr verlaufen war.
Am Samstag haben wir uns Mountain Bikes gemietet und sind damit 30 Kilometer über die Insel gefahren. Wir haben einen dicken Jungen getroffen, der eigentlich in Berlin wohnt und jetzt dazu verdammt ist, eine Weile bei seinen Verwandten zu verbringen. Das tut er, indem er von morgens bis abends auf einer Bank rumhängt und absolut nichts tut. Corinna hat ihn gefragt, wo man vietnamesische Spezialitäten essen kann. Er hat sich mit seinen Kollegen beraten und meinte dann, wir könnten "Nudeln und so" essen. Was anderes gäbe es ja eigentlich gar nicht. Ja. Sicher.
Wenn man aus der verrückten Stadt draußen ist, wirkt diese Insel direkt lebenswert. Wir fuhren auf den zwei einzigen Straßen durch winzige Dörfchen vorbei an winkenden Kindern und staunenden Erwachsenen und wurden nur ab und zu von stinkenden Lastern überholt, die ihr Kommen schon aus zweihundert Metern Entfernung durch ihre fetten Hupen deutlichst ankündigten. Wir fühlten uns wie die einzigen Radfahrer auf der Insel. Vermutlich waren wir das auch. Der Vietnamese steigt auf seinen Roller, sobald er laufen kann. Er sucht sich ne tolle Hupe aus, und dann gehts los. Nur alte Frauen, die noch die französische Kolonialzeit mitgekriegt haben, vertrauen auf ihre Drahtesel.
Wir waren eine Attraktion. Ein Vietnamese fuhr auf seinem Roller sogar eine Weile neben mir her und sein Kollege auf dem Rücksitz filmte mich, während ich mich den Berg hinauf kämpfte. Da mich die Landschaft einfach nur faszinierte, hielt ich öfter an, um Fotos zu machen. Corinna hatte darauf überhaupt keine Lust und fuhr davon. Als ich gerade kurz davor war, eine Vermisstenanzeige aufzugeben, sah ich sie am Straßenrand bei einer Frau und ihrer Tochter sitzen und eine Wassermelone schlürfen.
Die beiden waren nett und süß, doch der Frieden war jäh vorbei, als wir der Frau 15.000 Dong für die Melone hinstreckten und sie sagte, sie wolle 50.000 haben. Zwei Euro! Wir fühlten uns wie im falschen Film, veräppelt und ausgenommen. Die böse Abzockerin am Straßenrand, deren Touristen-Antennen hochgegangen sind. Wir hatten schon beschlossen, sie im Internet auf alle Ewigkeit zu brandmarken. Doch mittlerweile wissen wir, dass Wassermelonen relativ teuer sind. Und dass man sie woanders für 30.000 bis 50.000 Dong bekommt. Von daher ist sie "nur" an die obere Preisgrenze gegangen, weil wir ja Touristen sind und es uns leisten können. Das Gefühl hat man hier leider öfter. Zum Glück hat Corinna nicht mit ihr diskutiert, sondern ließ mich den Betrag bezahlen. Eine seeeehr kalte Schulter war aber nicht zu vermeiden.
Das Radfahren war toll. Es war bewölkt, der Fahrtwind hat uns gekühlt, und Corinna ist echt sportlich. Es ist sogar passiert, dass sie mich überholt hat. Beim Bergauffahren. Jede Steigung hatte 6 Prozent. Vermutlich waren diese Schilder mal im Sonderangebot gewesen. Schilder sind ja wie schon erwähnt ohnehin völlig wertlos in diesem Land. Doch zurück zu Corinna: Keine Jammereien und Beschwerden. Sie war glücklich, ich war glücklich. Es war geil. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich vom Eingang der "Hospital Cave" ein Bild schießen wollte, einen Schritt zurück ging, nach hinten kippte und einen Meter weit in den Abgrund stürzte. Ein Busch rettete mein Leben, doch das Objekt meiner Kamera war verkeilt und bewegte sich nicht mehr. Ich konnte es nicht mehr reparieren. Meine heißgeliebte Kamera, die mich an so viele schöne Orte begleitet hat, ist gestorben. Ich hätte fast geweint. Wir fuhren durch eine perfekte vietnamesische Landschaft und ich hatte keine Kamera! Das ist so ein Gefühl, wie wenn man als Hungernder mit zugebundenem Mund vor ein Festmahl gesetzt wird.
Es war schrecklich. Corinna hatte zwar noch eine Kamera, doch ihr Akku war nach fünf Bildern leer. Nun haben wir einen Deal: Ich bin der offizielle Reisefotograf. Von daher lässt sich dieser Verlust gerade noch so verschmerzen.
In der Höhle, die uns von einem Ex-Soldaten gezeigt wurde, hatten die Vietnamesen rund 20 Betonkammern gebaut, einschließlich eines großen Raums genannt "Kino", dessen Decke die Höhlendecke selbst war. Die Höhle wurde als bombensicheres Krankenhaus im Krieg verwendet, und diente den Vietcong als Unterschlupf. Bis zu 300 Menschen waren gleichzeitig dort untergebracht. Es ist kaum zu glauben. Ein sehr klaustrophisches Erlebnis. Ho Chi Minh war übrigens auch mal da. Er bekam einen Ehrenplatz zum Schlafen.
Beim Abendessen trafen wir einen zwanzigjährigen Holländer, Jochen, der nun ein bisschen mit uns unterwegs ist. Und einen Kalifornier, der nach diversen "american dream"-Versuchen bei gescheiterten Internet-Startups sein Haus verkauft, seine Sachen in einer Garage geparkt und beschlossen hat, von nun an auf unbestimmte Zeit die Welt zu entdecken. Es gibt immer interessante Geschichten.
Dummerweise bekam Jochen mit, dass ich am Sonntag Geburtstag habe, und so beschloss er, mit uns da hinein zu feiern. Ja super. Er hat uns in eine Bar geschleppt und Bier gekauft. Da ich Bier scheußlich finde, habe ich einen Cocktail getrunken. Und da man durch ne Spezialaktion zwei Cocktails für den Preis von einem bekam, musste ich eben zwei trinken. Zwei "Halong Dragon". Keine Ahnung, was da drinnen war. Jedenfalls hats nicht sonderlich gut funktioniert, denn ich wurde immer ruhiger und schläfriger und redete eine Weile mit einem Spanier, der sich von Herzen wünschte, so ruhig und ausgeglichen zu werden wie ich (weil er als Jugendlicher sich nicht beherrschen konnte, Menschen verprügelt hat, und nun beschloss, sich zu verändern).
Die einzigen Frauen, die gegen Mitternacht noch dort waren, waren die Mädels hinter der Bar. Zwei Vietnamesinnen. Die eine sah aus wie 13, die andere wie 15. Und mixten da die ganzen alkoholischen Cocktails. Sie bewegte sich manchmal auch schwankend hin und her, als wäre sie in einen süßen Drogenrausch verfallen. Wir haben herausgefunden, dass die größere sogar schon 20 war und die kleinere 18. Offenbar sehen vietnamesische Frauen jünger aus. Oder sie haben ihr Alter verfälscht.
Corinna hat jedenfalls allen gesteckt, dass ich Geburtstag habe. Wir haben ein paar Runden Billiard mit den Mädels gespielt, die wild die Regeln verändert haben so wie es ihnen gerade in den Kram passte. Um Punkt Zwölf sangen sie alle ein Happy Birthday für mich. Eine gab mir ein daumengroßes Ding in die Hand, das anfing zu brummen, als ich es berührte. Ich hab nen Riesenschreck bekommen. Aber als die Mädels meinten, ich solle das jetzt essen, habe ich das arme Tier doch lieber in die Freiheit hinein flattern lassen.
Um Viertel nach Zwölf war es vorbei. Alles. Dort in Cat Ba Town machen alle Bars, Restaurants und Hotels um Mitternacht ihre Schotten dicht. Zu dieser Zeit werden die sonst so verrückt lebendigen Straßen urplötzlich mausetot, und nur noch ein paar verirrte Individuen torkeln oder fahren herum. Wir hatten in unserem Hotel gesagt, dass wir etwas später kommen würden. Als wir zehn nach Zwölf dort vorbei gingen, waren die Läden noch nicht unten. Doch begleiteten wir Jochen noch zu seinem Hotel und sahen uns kurz sein Zimmer an. Als wir fünf Minuten später zurück auf der Straße waren, hatten alle Hotels dicht gemacht. Aber was noch schlimmer war: Sie sahen plötzlich alle gleich aus!
Nun, wo die Tische und Stühle nicht mehr davor standen, keine Menschen mehr unterwegs waren, wo man nicht mehr in den Eingangsbereich hinsein sehen konnte, fühlten wir uns verloren. Wir hatten keine Ahnung, ob das Hotel jetzt Trangh Van oder Huang Li oder Angh Kun oder sonst wie hieß. Wenn sich über zehn Hotels auf hundert Metern Straße drängeln, verliert man schnell den Überblick. Speziell, wenn man nicht mehr klar denken kann. Denn ich hatte ja Alkohol im Blut. Saublödes Gefühl. Ich schwankte die Straße auf und ab. Plötzlich hatte ich eine Frau an der Hand, und ein alter Kerl nickte mir auffordernd zu.
Ich riss mich los und folgte Corinna, die mittlerweile bei Jochens Hotel stand, das ebenfalls kurz zuvor geschlossen hatte. Mit Händen und Füßen und vielen, vielen Worten, die niemand verstand, versuchte sie, das Problem zu schildern. Der Hotelbetreiber blockte ab. Er ließ sie nicht hinein. Seine Frau und seine Tochter standen noch da und wussten ebenfalls nicht, was da gerade vor sich ging. Irgendwann gab Corinna verzweifelt auf und ging zur Tür hinaus. Dann wurde sie gerufen und durfte hoch. Verrückte Welt.
Jochen war ziemlich überrascht, doch er bot uns das zweite Bett in seinem kahlen, blauen Raum an. Genauer: Er bot es mir an. "Jens, because it's your birthday, you can have one bed for yourself." Sicher! Ich war zu angeheitert, als dass ich eine passende Antwort hätte geben können. Dieser kleine zwanzigjährige Möchtegern-Aufreißer! Er hatte mehrmals probiert, Corinna anzumachen. Und ich war nun mal der Konkurrent, den es aus dem Weg zu schaffen galt. Nun hatten wir keine andere Wahl, als in seinem Zimmer zu übernachten.
Es war schrecklich. Corinna und ich haben kein Auge zugetan. Sie wollte gar zuerst auf dem Boden schlafen, weil sie die Situation so schlimm fand. Wir waren vollständig angezogen, wir hatten keine Decke (ich kann ohne Decke nicht schlafen), es war zunächst zu heiß und mit Klimaanlage schließlich zu kalt, der Alkohol grummelte in meinem Magen, irgendwo entfernt fingen alle zehn Minuten ein paar Vietnamesen an zu gröhlen, Jochen begann irgendwann zu schnarchen...
Um 6 Uhr morgens versuchten wir zum ersten Mal, rauszukommen. Keine Chance. Tür verriegelt. Um Sieben versuchte ich es, setzte mich in den Eingangsbereich, wartete. Ein Mädchen kam die Treppe herunter, sah mich, erschreckte sich halb zu Tode, ließ mich dann aber zum Glück hinaus auf die Straße.
Als ich mein Hotel betrat, wurde mir klar, dass dessen Name die ganze Zeit auf dem Schlüssel gestanden hatte.
Zum Glück war der Morgen sehr relaxt. Wir gingen auf ein Boot und fuhren damit durch die Lan Ha Bay, die ein Teil der Halong Bay ist, aber noch nicht so touristisch. In einer netten Bucht ging das Boot vor Anker, und wir paddelten mit dem Kayak zwei Stunden lang zwischen den Felsen herum. Wir besuchten süße kleine Ministrände und gingen im grünen Wasser schwimmen.
Nach dem Mittagessen fuhren wir in eine winzige, versteckte Bucht und machten uns bereit, die Felsen zu erklimmen. Ich war noch nie klettern, und ich bekam schon Angst, als ich sah, was wir da als Anfänger tun sollten. Aber es ging. Es ist toll, wenn man es probiert. Es ist wie beim Skifahren. Von unten sieht der Hügel meist schwieriger aus als er ist.
Corinna erklomm tapfer alle drei Abschnitte, einen davon sogar zweimal. Ich begnügte mich mit den ersten beiden, da bei dem Dritten auch die "Profis" in der Gruppe ihre Probleme hatten. Es war ein guter Start. Ich habe die höchste Stelle erreicht. Auch wenn mich das Seil ein paar Mal vor dem Tod bewahrt hat.
Abends war der Plan, irgendwo essen zu gehen. Als ich aber hinunter kam, hatte sich Corinna von einer Gruppe vietnamesischer Urlauber zum Essen einladen lassen. Alles Männer. Das Essen war extrem lecker, die Jungs waren sehr lustig. Und wie das eben so ist: Wenn asiatische Männer essen, dann trinken sie auch. Sie füllten Vodka in Schnapsgläschen, riefen im Chor "Mot Hai Ba Sooo!" und leerten ihn hinunter. Eins, zwei, drei, los! (oder so). Jedenfalls hat man keine Wahl, sich diesem Ritual zu entziehen. Und so begann der zweite wilde Abend mit acht (oder so) Gläschen Vodka.
Es ging also nicht mal eine Stunde und ich schwankte schon wieder durch die Straßen. Im Anschluss an das Essen gingen wir mit den Jungs in eine Karaoke-Bar. Und da ich so gut drauf war, stand ich irgendwann vorne, habe mein Hemd ausgezogen, und tanzte mit den Vietnamesen zu dieser verrückten Musik.
Und als wenn das noch nicht genug gewesen wäre, gingen wir hinterher in eine Backpacker-Bar. Da sich noch keiner bewegte, machte ich Stimmung. Bald darauf war der ganze Laden auf den Beinen. Corinna erzählte schon wieder rum, dass ich Geburtstag hätte, und so bekam ich noch mal ein paar Ständchen gesungen.
Meine beschränkten Erfahrungen mit Alkohol (das letzte Mal habe ich letztes Jahr welchen getrunken) haben mich gelehrt, dass ich ab einem bestimmten Punkt einfach auf Wasser umsteigen muss. Das tat ich auch, und so blieb mir der Kater erspart. Außerdem erinnere ich mich an jedes Detail des Abends.
Als gegen Zwölf die Bar schloss, weil ja wieder alles schloss, ging ich kurz zu Corinna, die ordentlich zu tun hatte, die Flirterei eines Brasilianers zu demontieren. Sie meinte, er sei total langweilig, ob er denn nichts besseres zu bieten hätte, und noch ein paar lustige Sachen. Das hielt ihn nicht davon ab, mich zu fragen, wie denn der Sex mit ihr sei... auf einer Skala von eins bis zehn.
Nun ja. Ich schwankte zurück zum Hotel. Und als ich dort ankam, hatte ich nur noch das Holzstück mit der Zimmernummer in meiner Tasche. Der Schlüssel war weg. Also ging ich wieder in die Bar zurück, doch auf dem Boden konnte der Schlüssel überall sein. Ich lief wieder zum Hotel, und plötzlich hatte ich drei bellende Hunder hinter mir, die nach mir schnappten. Einer biss mich leicht in die Wade. Zum Glück ist nichts passiert, nur ein kleiner Kratzer ist zu sehen. Der Hotelier gab mir einen Ersatzschlüssel. Das war zum Glück kein Problem.
Am nächsten Morgen war die Welt wieder in Ordnung. Die in der Bar hatten meinen Schlüssel gefunden, und ich musste fünf Euro für den kaputten Anhänger bezahlen. Mittlerweile sind wir weiter südlich in Ninh Binh gelandet. Es regnet in Strömen, wir können nichts tun. Aber spannend wirds bleiben. Das ist ziemlich sicher.
Nein, ihr braucht euch nicht zu vergewissern. Das ist tatsächlich immer noch mein Blog. Und deshalb fange ich lieber mal am Anfang an. Da, wo noch alles gesittet und ruhig zuging, wo der Tag noch einen planbaren Eindruck machte. Zu dem Zeitpunkt morgens auf der Insel, als ich dachte, ich würde abends um Zehn im Hotel auf dem Bett sitzen und schreiben, wie partylos und ruhig mein Geburtstag dieses Jahr verlaufen war.
Am Samstag haben wir uns Mountain Bikes gemietet und sind damit 30 Kilometer über die Insel gefahren. Wir haben einen dicken Jungen getroffen, der eigentlich in Berlin wohnt und jetzt dazu verdammt ist, eine Weile bei seinen Verwandten zu verbringen. Das tut er, indem er von morgens bis abends auf einer Bank rumhängt und absolut nichts tut. Corinna hat ihn gefragt, wo man vietnamesische Spezialitäten essen kann. Er hat sich mit seinen Kollegen beraten und meinte dann, wir könnten "Nudeln und so" essen. Was anderes gäbe es ja eigentlich gar nicht. Ja. Sicher.
Wenn man aus der verrückten Stadt draußen ist, wirkt diese Insel direkt lebenswert. Wir fuhren auf den zwei einzigen Straßen durch winzige Dörfchen vorbei an winkenden Kindern und staunenden Erwachsenen und wurden nur ab und zu von stinkenden Lastern überholt, die ihr Kommen schon aus zweihundert Metern Entfernung durch ihre fetten Hupen deutlichst ankündigten. Wir fühlten uns wie die einzigen Radfahrer auf der Insel. Vermutlich waren wir das auch. Der Vietnamese steigt auf seinen Roller, sobald er laufen kann. Er sucht sich ne tolle Hupe aus, und dann gehts los. Nur alte Frauen, die noch die französische Kolonialzeit mitgekriegt haben, vertrauen auf ihre Drahtesel.
Wir waren eine Attraktion. Ein Vietnamese fuhr auf seinem Roller sogar eine Weile neben mir her und sein Kollege auf dem Rücksitz filmte mich, während ich mich den Berg hinauf kämpfte. Da mich die Landschaft einfach nur faszinierte, hielt ich öfter an, um Fotos zu machen. Corinna hatte darauf überhaupt keine Lust und fuhr davon. Als ich gerade kurz davor war, eine Vermisstenanzeige aufzugeben, sah ich sie am Straßenrand bei einer Frau und ihrer Tochter sitzen und eine Wassermelone schlürfen.
Die beiden waren nett und süß, doch der Frieden war jäh vorbei, als wir der Frau 15.000 Dong für die Melone hinstreckten und sie sagte, sie wolle 50.000 haben. Zwei Euro! Wir fühlten uns wie im falschen Film, veräppelt und ausgenommen. Die böse Abzockerin am Straßenrand, deren Touristen-Antennen hochgegangen sind. Wir hatten schon beschlossen, sie im Internet auf alle Ewigkeit zu brandmarken. Doch mittlerweile wissen wir, dass Wassermelonen relativ teuer sind. Und dass man sie woanders für 30.000 bis 50.000 Dong bekommt. Von daher ist sie "nur" an die obere Preisgrenze gegangen, weil wir ja Touristen sind und es uns leisten können. Das Gefühl hat man hier leider öfter. Zum Glück hat Corinna nicht mit ihr diskutiert, sondern ließ mich den Betrag bezahlen. Eine seeeehr kalte Schulter war aber nicht zu vermeiden.
Das Radfahren war toll. Es war bewölkt, der Fahrtwind hat uns gekühlt, und Corinna ist echt sportlich. Es ist sogar passiert, dass sie mich überholt hat. Beim Bergauffahren. Jede Steigung hatte 6 Prozent. Vermutlich waren diese Schilder mal im Sonderangebot gewesen. Schilder sind ja wie schon erwähnt ohnehin völlig wertlos in diesem Land. Doch zurück zu Corinna: Keine Jammereien und Beschwerden. Sie war glücklich, ich war glücklich. Es war geil. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich vom Eingang der "Hospital Cave" ein Bild schießen wollte, einen Schritt zurück ging, nach hinten kippte und einen Meter weit in den Abgrund stürzte. Ein Busch rettete mein Leben, doch das Objekt meiner Kamera war verkeilt und bewegte sich nicht mehr. Ich konnte es nicht mehr reparieren. Meine heißgeliebte Kamera, die mich an so viele schöne Orte begleitet hat, ist gestorben. Ich hätte fast geweint. Wir fuhren durch eine perfekte vietnamesische Landschaft und ich hatte keine Kamera! Das ist so ein Gefühl, wie wenn man als Hungernder mit zugebundenem Mund vor ein Festmahl gesetzt wird.
Es war schrecklich. Corinna hatte zwar noch eine Kamera, doch ihr Akku war nach fünf Bildern leer. Nun haben wir einen Deal: Ich bin der offizielle Reisefotograf. Von daher lässt sich dieser Verlust gerade noch so verschmerzen.
In der Höhle, die uns von einem Ex-Soldaten gezeigt wurde, hatten die Vietnamesen rund 20 Betonkammern gebaut, einschließlich eines großen Raums genannt "Kino", dessen Decke die Höhlendecke selbst war. Die Höhle wurde als bombensicheres Krankenhaus im Krieg verwendet, und diente den Vietcong als Unterschlupf. Bis zu 300 Menschen waren gleichzeitig dort untergebracht. Es ist kaum zu glauben. Ein sehr klaustrophisches Erlebnis. Ho Chi Minh war übrigens auch mal da. Er bekam einen Ehrenplatz zum Schlafen.
Beim Abendessen trafen wir einen zwanzigjährigen Holländer, Jochen, der nun ein bisschen mit uns unterwegs ist. Und einen Kalifornier, der nach diversen "american dream"-Versuchen bei gescheiterten Internet-Startups sein Haus verkauft, seine Sachen in einer Garage geparkt und beschlossen hat, von nun an auf unbestimmte Zeit die Welt zu entdecken. Es gibt immer interessante Geschichten.
Dummerweise bekam Jochen mit, dass ich am Sonntag Geburtstag habe, und so beschloss er, mit uns da hinein zu feiern. Ja super. Er hat uns in eine Bar geschleppt und Bier gekauft. Da ich Bier scheußlich finde, habe ich einen Cocktail getrunken. Und da man durch ne Spezialaktion zwei Cocktails für den Preis von einem bekam, musste ich eben zwei trinken. Zwei "Halong Dragon". Keine Ahnung, was da drinnen war. Jedenfalls hats nicht sonderlich gut funktioniert, denn ich wurde immer ruhiger und schläfriger und redete eine Weile mit einem Spanier, der sich von Herzen wünschte, so ruhig und ausgeglichen zu werden wie ich (weil er als Jugendlicher sich nicht beherrschen konnte, Menschen verprügelt hat, und nun beschloss, sich zu verändern).
Die einzigen Frauen, die gegen Mitternacht noch dort waren, waren die Mädels hinter der Bar. Zwei Vietnamesinnen. Die eine sah aus wie 13, die andere wie 15. Und mixten da die ganzen alkoholischen Cocktails. Sie bewegte sich manchmal auch schwankend hin und her, als wäre sie in einen süßen Drogenrausch verfallen. Wir haben herausgefunden, dass die größere sogar schon 20 war und die kleinere 18. Offenbar sehen vietnamesische Frauen jünger aus. Oder sie haben ihr Alter verfälscht.
Corinna hat jedenfalls allen gesteckt, dass ich Geburtstag habe. Wir haben ein paar Runden Billiard mit den Mädels gespielt, die wild die Regeln verändert haben so wie es ihnen gerade in den Kram passte. Um Punkt Zwölf sangen sie alle ein Happy Birthday für mich. Eine gab mir ein daumengroßes Ding in die Hand, das anfing zu brummen, als ich es berührte. Ich hab nen Riesenschreck bekommen. Aber als die Mädels meinten, ich solle das jetzt essen, habe ich das arme Tier doch lieber in die Freiheit hinein flattern lassen.
Um Viertel nach Zwölf war es vorbei. Alles. Dort in Cat Ba Town machen alle Bars, Restaurants und Hotels um Mitternacht ihre Schotten dicht. Zu dieser Zeit werden die sonst so verrückt lebendigen Straßen urplötzlich mausetot, und nur noch ein paar verirrte Individuen torkeln oder fahren herum. Wir hatten in unserem Hotel gesagt, dass wir etwas später kommen würden. Als wir zehn nach Zwölf dort vorbei gingen, waren die Läden noch nicht unten. Doch begleiteten wir Jochen noch zu seinem Hotel und sahen uns kurz sein Zimmer an. Als wir fünf Minuten später zurück auf der Straße waren, hatten alle Hotels dicht gemacht. Aber was noch schlimmer war: Sie sahen plötzlich alle gleich aus!
Nun, wo die Tische und Stühle nicht mehr davor standen, keine Menschen mehr unterwegs waren, wo man nicht mehr in den Eingangsbereich hinsein sehen konnte, fühlten wir uns verloren. Wir hatten keine Ahnung, ob das Hotel jetzt Trangh Van oder Huang Li oder Angh Kun oder sonst wie hieß. Wenn sich über zehn Hotels auf hundert Metern Straße drängeln, verliert man schnell den Überblick. Speziell, wenn man nicht mehr klar denken kann. Denn ich hatte ja Alkohol im Blut. Saublödes Gefühl. Ich schwankte die Straße auf und ab. Plötzlich hatte ich eine Frau an der Hand, und ein alter Kerl nickte mir auffordernd zu.
Ich riss mich los und folgte Corinna, die mittlerweile bei Jochens Hotel stand, das ebenfalls kurz zuvor geschlossen hatte. Mit Händen und Füßen und vielen, vielen Worten, die niemand verstand, versuchte sie, das Problem zu schildern. Der Hotelbetreiber blockte ab. Er ließ sie nicht hinein. Seine Frau und seine Tochter standen noch da und wussten ebenfalls nicht, was da gerade vor sich ging. Irgendwann gab Corinna verzweifelt auf und ging zur Tür hinaus. Dann wurde sie gerufen und durfte hoch. Verrückte Welt.
Jochen war ziemlich überrascht, doch er bot uns das zweite Bett in seinem kahlen, blauen Raum an. Genauer: Er bot es mir an. "Jens, because it's your birthday, you can have one bed for yourself." Sicher! Ich war zu angeheitert, als dass ich eine passende Antwort hätte geben können. Dieser kleine zwanzigjährige Möchtegern-Aufreißer! Er hatte mehrmals probiert, Corinna anzumachen. Und ich war nun mal der Konkurrent, den es aus dem Weg zu schaffen galt. Nun hatten wir keine andere Wahl, als in seinem Zimmer zu übernachten.
Es war schrecklich. Corinna und ich haben kein Auge zugetan. Sie wollte gar zuerst auf dem Boden schlafen, weil sie die Situation so schlimm fand. Wir waren vollständig angezogen, wir hatten keine Decke (ich kann ohne Decke nicht schlafen), es war zunächst zu heiß und mit Klimaanlage schließlich zu kalt, der Alkohol grummelte in meinem Magen, irgendwo entfernt fingen alle zehn Minuten ein paar Vietnamesen an zu gröhlen, Jochen begann irgendwann zu schnarchen...
Um 6 Uhr morgens versuchten wir zum ersten Mal, rauszukommen. Keine Chance. Tür verriegelt. Um Sieben versuchte ich es, setzte mich in den Eingangsbereich, wartete. Ein Mädchen kam die Treppe herunter, sah mich, erschreckte sich halb zu Tode, ließ mich dann aber zum Glück hinaus auf die Straße.
Als ich mein Hotel betrat, wurde mir klar, dass dessen Name die ganze Zeit auf dem Schlüssel gestanden hatte.
Zum Glück war der Morgen sehr relaxt. Wir gingen auf ein Boot und fuhren damit durch die Lan Ha Bay, die ein Teil der Halong Bay ist, aber noch nicht so touristisch. In einer netten Bucht ging das Boot vor Anker, und wir paddelten mit dem Kayak zwei Stunden lang zwischen den Felsen herum. Wir besuchten süße kleine Ministrände und gingen im grünen Wasser schwimmen.
Nach dem Mittagessen fuhren wir in eine winzige, versteckte Bucht und machten uns bereit, die Felsen zu erklimmen. Ich war noch nie klettern, und ich bekam schon Angst, als ich sah, was wir da als Anfänger tun sollten. Aber es ging. Es ist toll, wenn man es probiert. Es ist wie beim Skifahren. Von unten sieht der Hügel meist schwieriger aus als er ist.
Corinna erklomm tapfer alle drei Abschnitte, einen davon sogar zweimal. Ich begnügte mich mit den ersten beiden, da bei dem Dritten auch die "Profis" in der Gruppe ihre Probleme hatten. Es war ein guter Start. Ich habe die höchste Stelle erreicht. Auch wenn mich das Seil ein paar Mal vor dem Tod bewahrt hat.
Abends war der Plan, irgendwo essen zu gehen. Als ich aber hinunter kam, hatte sich Corinna von einer Gruppe vietnamesischer Urlauber zum Essen einladen lassen. Alles Männer. Das Essen war extrem lecker, die Jungs waren sehr lustig. Und wie das eben so ist: Wenn asiatische Männer essen, dann trinken sie auch. Sie füllten Vodka in Schnapsgläschen, riefen im Chor "Mot Hai Ba Sooo!" und leerten ihn hinunter. Eins, zwei, drei, los! (oder so). Jedenfalls hat man keine Wahl, sich diesem Ritual zu entziehen. Und so begann der zweite wilde Abend mit acht (oder so) Gläschen Vodka.
Es ging also nicht mal eine Stunde und ich schwankte schon wieder durch die Straßen. Im Anschluss an das Essen gingen wir mit den Jungs in eine Karaoke-Bar. Und da ich so gut drauf war, stand ich irgendwann vorne, habe mein Hemd ausgezogen, und tanzte mit den Vietnamesen zu dieser verrückten Musik.
Und als wenn das noch nicht genug gewesen wäre, gingen wir hinterher in eine Backpacker-Bar. Da sich noch keiner bewegte, machte ich Stimmung. Bald darauf war der ganze Laden auf den Beinen. Corinna erzählte schon wieder rum, dass ich Geburtstag hätte, und so bekam ich noch mal ein paar Ständchen gesungen.
Meine beschränkten Erfahrungen mit Alkohol (das letzte Mal habe ich letztes Jahr welchen getrunken) haben mich gelehrt, dass ich ab einem bestimmten Punkt einfach auf Wasser umsteigen muss. Das tat ich auch, und so blieb mir der Kater erspart. Außerdem erinnere ich mich an jedes Detail des Abends.
Als gegen Zwölf die Bar schloss, weil ja wieder alles schloss, ging ich kurz zu Corinna, die ordentlich zu tun hatte, die Flirterei eines Brasilianers zu demontieren. Sie meinte, er sei total langweilig, ob er denn nichts besseres zu bieten hätte, und noch ein paar lustige Sachen. Das hielt ihn nicht davon ab, mich zu fragen, wie denn der Sex mit ihr sei... auf einer Skala von eins bis zehn.
Nun ja. Ich schwankte zurück zum Hotel. Und als ich dort ankam, hatte ich nur noch das Holzstück mit der Zimmernummer in meiner Tasche. Der Schlüssel war weg. Also ging ich wieder in die Bar zurück, doch auf dem Boden konnte der Schlüssel überall sein. Ich lief wieder zum Hotel, und plötzlich hatte ich drei bellende Hunder hinter mir, die nach mir schnappten. Einer biss mich leicht in die Wade. Zum Glück ist nichts passiert, nur ein kleiner Kratzer ist zu sehen. Der Hotelier gab mir einen Ersatzschlüssel. Das war zum Glück kein Problem.
Am nächsten Morgen war die Welt wieder in Ordnung. Die in der Bar hatten meinen Schlüssel gefunden, und ich musste fünf Euro für den kaputten Anhänger bezahlen. Mittlerweile sind wir weiter südlich in Ninh Binh gelandet. Es regnet in Strömen, wir können nichts tun. Aber spannend wirds bleiben. Das ist ziemlich sicher.
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