Dienstag, 10. August 2010
Millionenschaden
Die schwüle Hitze Südvietnams hat uns wieder. Nach einer 8 Stunden langen, extrem ermüdenden Busfahrt (von Busfahren hab ich erstmal genug) sind wir vor drei Tagen in Saigon gelandet, das "eigentlich" Ho Chi Minh-Stadt heißt, seit Nordvietnam den Krieg gewonnen hat. Doch alle hier sprechen von Saigon, der "Motorbike City", hektisch und chaotisch. Und gefährlich. Die Vietnamesen sind davon überzeugt, dass die Straßen hier voller Banditen sind. Und ich kann denen nur Recht geben. Böse Stadt. Gefährliche Stadt!
Der erste Abend hier dauerte wieder mal etwas länger, und je nach Stimmung und Situation kann es schon mal passieren, dass man die Zeit vergisst. Deshalb ist aus unserer geplanten Zweitages-Mekong-Delta-Tour nichts geworden. Aber wie sich herausgestellt hat, war das gar nicht schlimm.
Weil corinna sich ausruhen wollte, bin ich alleine losgezogen. Einfach mal Richtung Downtown, Richtung Saigon River. Weil mir der Weg über die zerklüfteten und zugestellten Bürgersteige zu anstrengend war, bin ich durch den kleinen Park gegangen. Ich setzte mich hin, sah mir die Karte an, und dann stand plötzlich ein schwarz gekleideter Transvestit neben mir. Er trug eine riesige verspiegelte Sonnenbrille, hatte langes schwarzes Haar, weibliche Gesichtszüge und lispelte mit einer hellen männlichen Stimme. Er zog ein paar Postkarten raus. "Wanna buy? Wanna buy? Very cheap!" Jaja, sind wir ja gewohnt. "No buy" sagte ich ganz routiniert, beachtete ihn nicht und ging davon.
Doch der Kerl ging mir nach. Plötzlich stand er neben mir. "Where you from, he?" Ich ging weiter. Dann grabschte er mich an, eine Hand griff in meine Rippen, mit der anderen packte er meine Eier und drückte kräftig zu. Er hechelte wie ein tollwütiger Hund und sagte: "Wanna Boom Boom? Sex Sex? He he?" Ich bekam Angst, riss mich von der Sau los, rannte ein paar Meter davon. Dann blieb ich stehen und grinste zunächst in mich hinein, weil ich die Situation so abartig fand, dass sie wieder witzig war.
Und dann merkte ich, dass mein Geldbeutel fehlte.
Ich drehte mich um, doch der Kerl war natürlich über alle Berge. Ich suchte das gesamte Gebiet ab, aber vermutlich war er sofort auf einen Roller gesprungen und abgehauen.
Mann! Ich bin von einem Transvestiten ausgeraubt worden! Scheiße! Und das natürlich gerade, als ich etwas mehr Geld in der Brieftasche hatte. Ich splitte ja meine Wertsachen. Die Kreditkarte und die großen scheine in die Innentasche unter der Hose und das Geld das ich täglich so brauche im Geldbeutel.
Jedenfalls ist nun meine EC-Karte weg und rund 1 Million Dong (die Kreditkarte hab ich noch). Ich weiß nicht mehr, was ich sonst noch drin hatte. Mit der EC-Karte kann der Kerl nichts anfangen, er hat sich aber vermutlich sehr über die Kohle gefreut. Das sind immerhin rund 40 Euro. Und mein schöner Geldbeutel ist weg. Argh.
Das war kein guter erster Tag in dieser Stadt. Seither laufe ich extrem vorsichtig durch die Gegend und halte auch meinen Rucksack mit beiden Händen fest, weil ich Angst davor habe, dass ihn mir irgendein Rollerfahrer wegreißen könnte. Es ist auch recht anstrengend, hier im Backpacker-Viertel unterwegs zu sein. Überall wird man angelabert. "Motobike?" an jeder Kreuzung. "Shoeshine?" "Massa?" "Here, Sir, good restaurant, very cheap!" "Want sunglasses? Very good!" "Come in, good T-Shirt!" Und selbst wenn man in einem Restaurant an der Straße sitzt, steht plötzlich ein Brillen- oder Bücherverkäufer hinter einem und wartet darauf, dass man ihn beachtet. In der Nacht umschwärmen dutzende Kids die Backpacker in den zahlreichen Bars. Man wird frech von ihnen angetatscht, und selbst wenn man böse wird, kommen sie stur immer wieder zurück, um ihre Feuerzeuge zu verkaufen. In der Markthalle ist es noch viel schlimmer. Die Gänge sind gerade mal einen Meter breit, und wenn man hindurch läuft, wird man von allen Seiten begrapscht und sogar festgehalten. Sie fassen einen ans Hemd und sagen "Here, same same, many color!" - und dennoch verkauft jeder Laden in der Halle genau das gleiche wie der daneben. Etwas zu finden, was außergewöhnlich ist, ist nicht einfach. Und wenn, dann ist es ziemlich teuer.
Bücher, Filme, Computerspiele und Software gibt es hier nur im kopierten Zustand. An jeder Ecke. In jeder Stadt. Bücher zu finden, denen man den Kopierer nicht ansieht, ist gar nicht so einfach. Man kann hier auch ganze TV-Serien kaufen, Prison Break, Friends, oder Star Trek. Alle Staffeln auf einer Handvoll DVDs, eingepackt in ein nett designtes Cover. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie scheiße die Qualität sein muss.
Ich war auch in einem Elektronikladen. Fernseher, Computer, Handys. Die gesamte Unterhaltungselektronik ist nur wenig günstiger als bei uns. Ein einfacher Computer kostet 400 Euro, ein kleines Laptop mindestens genau so viel. Ich frage mich ernsthaft, wer sich das hier leisten kann. Das passt überhaupt nicht mehr in das sonstige Preisgefüge hinein. Man kann hier für 300 Dollar einen Roller kaufen, tankt 15 Liter Diesel für einen Euro, aber das Mini-Laptop ist teurer. Sehr seltsam.
Gestern haben wir eine Tour ins Mekong-Delta gemacht. Wir sind uns vorgekommen wie in einem schlechten Vergnügungspark. Nach einer 2 Stunden langen, sehr holprigen Busfahrt, wurden wir zunächst durch einen Souvenirladen auf ein Boot verladen, über den Fluss kutschiert und dort wieder zu den Souvenirs geführt. Dummerweise hat Corinna sich eine Blasenentzündung eingefangen, und so konnte sie das bisschen, was einem an diesem Ausflug überhaupt noch hätte gefallen können, nicht mehr genießen. Der Tourguide organisiert irgendwas, und nach einiger Zeit kam ein Mädel auf dem Roller angefahren und brachte Antibiotika. Ein halbes Päckchen Tabletten für nicht mal 1 Euro. Bekommt man hier ohne Rezept in der Apotheke.
Nach einer "Demonstration traditioneller vietnamesischer Musik" (natürlich mit Bettel-Schälchen) wurden die Touristen weiter gedrückt in ein kleines Restaurant, wo man den Honigtee, den es zu probieren gab, auch gleich kaufen konnte. Und dann die "romantische Fahrt im Ruderboot durch einen der winzigen Kanäle im Mekong-Delta": Die Ruderboote fuhren dicht an dicht hintereinander her, und die Frauen auf den Booten, die auf der Gegenfahrspur zurück fuhren, riefen jedes Mal: "Give money, give money!" So nervig, dass man in Versuchung kam, überhaupt nichts zu geben. Das einzige, was halbwegs authentisch war an diesem Ausflug, war die eine Stunde, die wir mit klapprigen Fahrrädern durch das Dorf fahren konnten. Die Einheimischen haben nicht sonderlich glücklich darüber ausgesehen. Vermutlich dachten sie: "Ah, schon wieder so ein blöder Tourist." Da waren unsere anderen Radausflüge um ein Vielfaches besser.
Coris und auch meine Stimmung war ja eh schon im Eimer, und letztlich wurden wir über den Fluss wieder drei Stunden lang zurück in die Stadt gefahren. Dort checkten wir in ein neues, schönes Hotel ein und konnten die letzte Nacht hier in Vietnam noch einmal richtig gut ausschlafen. Heute lassen wir es ruhig angehen. Ein bisschen shoppen, gut essen, ein wenig schreiben.
Das ist mein letzter Eintrag, der letzte Tag in Vietnam. Heute Abend fliegen wir zurück in unsere Heimat. Die Reise hat vielfältige Eindrücke in uns hinterlassen. Wir haben viele Facetten dieses faszinierenden Landes gesehen. Ich persönlich hatte nicht damit gerechnet, dass hier alles so gut entwickelt ist. Die Spanne zwischen Arm und Reich scheint sehr groß zu sein. In den Dörfern sieht man rostige, halb zerfallene Wellblech-Hütten, in denen Menschen hausen, gleich neben wunderschönen farbigen Streifenhäuschen, die wie Villen in der Landschaft stehen. Dasselbe gilt für die Städte, ganz besonders hier in Saigon. Am Flussufer stehen die schmutzigen Hütten auf Stelzen, und dahinter ragen die Betonklötze der großen Hotels in den Himmel.
Das Essen hat uns ebenfalls überrascht. Aber eher negativ. Zwar haben wir sehr gut vietnamesisch gegessen, aber die Würze und Schärfe, die man sonst von den Asiaten kennt, haben die Vietnamesen noch nicht sonderlich gut integriert. Das einzige Gemüse, das man überall zu kriegen scheint, ist grüner Senf. Die letzten zwei Tage haben wir beim Thailänder und Inder gegessen und wurden umgehauen von den gut gewürzten Speisen.
Und: Sie essen sie doch, die Hunde. Sagte zumindest unser kleiner Tourguide beim Trekking. Er schwor Stein und Bein, dass Hunde-Essen ganz normal sei, im ganzen Land. Andererseits wüsste ich jetzt auch nicht, welche Spezialitäten die Leute im äußersten Nordosten Deutschlands so essen. Ich meine, im Norden schütten sie Zucker in ihren Salat, was uns im Süden nie einfallen würde. Deshalb werde ich das Hunde-Essen vermutlich nochmal irgendwo anders recherchieren
Jedenfalls bin ich glücklich und erschöpft. Wir haben wunderschöne und hässliche Orte gesehen, haben dutzende Höhen und Tiefen durchgemacht, sind sehr sportlich gewesen, sind krank und wieder gesund geworden, und nun geht es zurück in unser Standardleben. Aber auch darauf freue ich mich sehr.
Im Gedächtnis bleiben werden mir die Streifenhäuschen und das Gehupe auf den Straßen, die weiten grünen Landschaften mit den schroffen Felsen und den endlosen Reisfeldern. Und dass es hier verdammt nochmal keine Mücken gibt! Da gebe ich fünfzig Euro für DEET aus, und dann gibts hier keine Mücken! Ich bin vielleicht fünf Mal gestochen worden in 3 Wochen. Das ist ein Witz! Gut, ich bin nicht wirklich böse darüber, aber faszinierend fand ich das dennoch.
Ich danke euch allen fürs fleißige Lesen und die netten Kommentare.
Bis dann!
Der erste Abend hier dauerte wieder mal etwas länger, und je nach Stimmung und Situation kann es schon mal passieren, dass man die Zeit vergisst. Deshalb ist aus unserer geplanten Zweitages-Mekong-Delta-Tour nichts geworden. Aber wie sich herausgestellt hat, war das gar nicht schlimm.
Weil corinna sich ausruhen wollte, bin ich alleine losgezogen. Einfach mal Richtung Downtown, Richtung Saigon River. Weil mir der Weg über die zerklüfteten und zugestellten Bürgersteige zu anstrengend war, bin ich durch den kleinen Park gegangen. Ich setzte mich hin, sah mir die Karte an, und dann stand plötzlich ein schwarz gekleideter Transvestit neben mir. Er trug eine riesige verspiegelte Sonnenbrille, hatte langes schwarzes Haar, weibliche Gesichtszüge und lispelte mit einer hellen männlichen Stimme. Er zog ein paar Postkarten raus. "Wanna buy? Wanna buy? Very cheap!" Jaja, sind wir ja gewohnt. "No buy" sagte ich ganz routiniert, beachtete ihn nicht und ging davon.
Doch der Kerl ging mir nach. Plötzlich stand er neben mir. "Where you from, he?" Ich ging weiter. Dann grabschte er mich an, eine Hand griff in meine Rippen, mit der anderen packte er meine Eier und drückte kräftig zu. Er hechelte wie ein tollwütiger Hund und sagte: "Wanna Boom Boom? Sex Sex? He he?" Ich bekam Angst, riss mich von der Sau los, rannte ein paar Meter davon. Dann blieb ich stehen und grinste zunächst in mich hinein, weil ich die Situation so abartig fand, dass sie wieder witzig war.
Und dann merkte ich, dass mein Geldbeutel fehlte.
Ich drehte mich um, doch der Kerl war natürlich über alle Berge. Ich suchte das gesamte Gebiet ab, aber vermutlich war er sofort auf einen Roller gesprungen und abgehauen.
Mann! Ich bin von einem Transvestiten ausgeraubt worden! Scheiße! Und das natürlich gerade, als ich etwas mehr Geld in der Brieftasche hatte. Ich splitte ja meine Wertsachen. Die Kreditkarte und die großen scheine in die Innentasche unter der Hose und das Geld das ich täglich so brauche im Geldbeutel.
Jedenfalls ist nun meine EC-Karte weg und rund 1 Million Dong (die Kreditkarte hab ich noch). Ich weiß nicht mehr, was ich sonst noch drin hatte. Mit der EC-Karte kann der Kerl nichts anfangen, er hat sich aber vermutlich sehr über die Kohle gefreut. Das sind immerhin rund 40 Euro. Und mein schöner Geldbeutel ist weg. Argh.
Das war kein guter erster Tag in dieser Stadt. Seither laufe ich extrem vorsichtig durch die Gegend und halte auch meinen Rucksack mit beiden Händen fest, weil ich Angst davor habe, dass ihn mir irgendein Rollerfahrer wegreißen könnte. Es ist auch recht anstrengend, hier im Backpacker-Viertel unterwegs zu sein. Überall wird man angelabert. "Motobike?" an jeder Kreuzung. "Shoeshine?" "Massa?" "Here, Sir, good restaurant, very cheap!" "Want sunglasses? Very good!" "Come in, good T-Shirt!" Und selbst wenn man in einem Restaurant an der Straße sitzt, steht plötzlich ein Brillen- oder Bücherverkäufer hinter einem und wartet darauf, dass man ihn beachtet. In der Nacht umschwärmen dutzende Kids die Backpacker in den zahlreichen Bars. Man wird frech von ihnen angetatscht, und selbst wenn man böse wird, kommen sie stur immer wieder zurück, um ihre Feuerzeuge zu verkaufen. In der Markthalle ist es noch viel schlimmer. Die Gänge sind gerade mal einen Meter breit, und wenn man hindurch läuft, wird man von allen Seiten begrapscht und sogar festgehalten. Sie fassen einen ans Hemd und sagen "Here, same same, many color!" - und dennoch verkauft jeder Laden in der Halle genau das gleiche wie der daneben. Etwas zu finden, was außergewöhnlich ist, ist nicht einfach. Und wenn, dann ist es ziemlich teuer.
Bücher, Filme, Computerspiele und Software gibt es hier nur im kopierten Zustand. An jeder Ecke. In jeder Stadt. Bücher zu finden, denen man den Kopierer nicht ansieht, ist gar nicht so einfach. Man kann hier auch ganze TV-Serien kaufen, Prison Break, Friends, oder Star Trek. Alle Staffeln auf einer Handvoll DVDs, eingepackt in ein nett designtes Cover. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie scheiße die Qualität sein muss.
Ich war auch in einem Elektronikladen. Fernseher, Computer, Handys. Die gesamte Unterhaltungselektronik ist nur wenig günstiger als bei uns. Ein einfacher Computer kostet 400 Euro, ein kleines Laptop mindestens genau so viel. Ich frage mich ernsthaft, wer sich das hier leisten kann. Das passt überhaupt nicht mehr in das sonstige Preisgefüge hinein. Man kann hier für 300 Dollar einen Roller kaufen, tankt 15 Liter Diesel für einen Euro, aber das Mini-Laptop ist teurer. Sehr seltsam.
Gestern haben wir eine Tour ins Mekong-Delta gemacht. Wir sind uns vorgekommen wie in einem schlechten Vergnügungspark. Nach einer 2 Stunden langen, sehr holprigen Busfahrt, wurden wir zunächst durch einen Souvenirladen auf ein Boot verladen, über den Fluss kutschiert und dort wieder zu den Souvenirs geführt. Dummerweise hat Corinna sich eine Blasenentzündung eingefangen, und so konnte sie das bisschen, was einem an diesem Ausflug überhaupt noch hätte gefallen können, nicht mehr genießen. Der Tourguide organisiert irgendwas, und nach einiger Zeit kam ein Mädel auf dem Roller angefahren und brachte Antibiotika. Ein halbes Päckchen Tabletten für nicht mal 1 Euro. Bekommt man hier ohne Rezept in der Apotheke.
Nach einer "Demonstration traditioneller vietnamesischer Musik" (natürlich mit Bettel-Schälchen) wurden die Touristen weiter gedrückt in ein kleines Restaurant, wo man den Honigtee, den es zu probieren gab, auch gleich kaufen konnte. Und dann die "romantische Fahrt im Ruderboot durch einen der winzigen Kanäle im Mekong-Delta": Die Ruderboote fuhren dicht an dicht hintereinander her, und die Frauen auf den Booten, die auf der Gegenfahrspur zurück fuhren, riefen jedes Mal: "Give money, give money!" So nervig, dass man in Versuchung kam, überhaupt nichts zu geben. Das einzige, was halbwegs authentisch war an diesem Ausflug, war die eine Stunde, die wir mit klapprigen Fahrrädern durch das Dorf fahren konnten. Die Einheimischen haben nicht sonderlich glücklich darüber ausgesehen. Vermutlich dachten sie: "Ah, schon wieder so ein blöder Tourist." Da waren unsere anderen Radausflüge um ein Vielfaches besser.
Coris und auch meine Stimmung war ja eh schon im Eimer, und letztlich wurden wir über den Fluss wieder drei Stunden lang zurück in die Stadt gefahren. Dort checkten wir in ein neues, schönes Hotel ein und konnten die letzte Nacht hier in Vietnam noch einmal richtig gut ausschlafen. Heute lassen wir es ruhig angehen. Ein bisschen shoppen, gut essen, ein wenig schreiben.
Das ist mein letzter Eintrag, der letzte Tag in Vietnam. Heute Abend fliegen wir zurück in unsere Heimat. Die Reise hat vielfältige Eindrücke in uns hinterlassen. Wir haben viele Facetten dieses faszinierenden Landes gesehen. Ich persönlich hatte nicht damit gerechnet, dass hier alles so gut entwickelt ist. Die Spanne zwischen Arm und Reich scheint sehr groß zu sein. In den Dörfern sieht man rostige, halb zerfallene Wellblech-Hütten, in denen Menschen hausen, gleich neben wunderschönen farbigen Streifenhäuschen, die wie Villen in der Landschaft stehen. Dasselbe gilt für die Städte, ganz besonders hier in Saigon. Am Flussufer stehen die schmutzigen Hütten auf Stelzen, und dahinter ragen die Betonklötze der großen Hotels in den Himmel.
Das Essen hat uns ebenfalls überrascht. Aber eher negativ. Zwar haben wir sehr gut vietnamesisch gegessen, aber die Würze und Schärfe, die man sonst von den Asiaten kennt, haben die Vietnamesen noch nicht sonderlich gut integriert. Das einzige Gemüse, das man überall zu kriegen scheint, ist grüner Senf. Die letzten zwei Tage haben wir beim Thailänder und Inder gegessen und wurden umgehauen von den gut gewürzten Speisen.
Und: Sie essen sie doch, die Hunde. Sagte zumindest unser kleiner Tourguide beim Trekking. Er schwor Stein und Bein, dass Hunde-Essen ganz normal sei, im ganzen Land. Andererseits wüsste ich jetzt auch nicht, welche Spezialitäten die Leute im äußersten Nordosten Deutschlands so essen. Ich meine, im Norden schütten sie Zucker in ihren Salat, was uns im Süden nie einfallen würde. Deshalb werde ich das Hunde-Essen vermutlich nochmal irgendwo anders recherchieren
Jedenfalls bin ich glücklich und erschöpft. Wir haben wunderschöne und hässliche Orte gesehen, haben dutzende Höhen und Tiefen durchgemacht, sind sehr sportlich gewesen, sind krank und wieder gesund geworden, und nun geht es zurück in unser Standardleben. Aber auch darauf freue ich mich sehr.
Im Gedächtnis bleiben werden mir die Streifenhäuschen und das Gehupe auf den Straßen, die weiten grünen Landschaften mit den schroffen Felsen und den endlosen Reisfeldern. Und dass es hier verdammt nochmal keine Mücken gibt! Da gebe ich fünfzig Euro für DEET aus, und dann gibts hier keine Mücken! Ich bin vielleicht fünf Mal gestochen worden in 3 Wochen. Das ist ein Witz! Gut, ich bin nicht wirklich böse darüber, aber faszinierend fand ich das dennoch.
Ich danke euch allen fürs fleißige Lesen und die netten Kommentare.
Bis dann!
Freitag, 6. August 2010
Abenteuer im Schwarzwald Vietnams
Eigentlich müsste man Geld für eine zwölfstündige Nachtbusfahrt bekommen. Übereinander gestapelte Liegen, 40 cm breit, nicht ganz waagerecht zu stellen, aber immerhin so, dass man irgendwie liegen kann. Dieses Mal war ich weise und habe mir in Hoi An Ohrstöpsel gekauft. Mit diesen konnte ich immerhin ein klein wenig schlafen, und die Busfahrt war, obwohl ich von zwei englischen Backpackern eingekeilt war, die lauten Hip Hop auf ihren iPods hörten, durchaus nicht so schlimm, dass ich hinterher jammernd auf die Straße gefallen wäre. Stattdessen stiegen wir in Nha Trang in den nächsten Bus und fuhren nochmal fünf Stunden lang in die Berge nach Dalat.
Diese Fahrt war weit schlimmer. Nach dem Motto "Einer geht noch, einer geht noch rein" hielt das Ding ständig am Straßenrand, Passagiere wurden raus und rein gequetscht. Und als wir dachten, dass es unmöglich wäre, jetzt nochmal jemanden einzuladen, wurde ein Vietnamese freundlich dazu gedrängt, für ne Weile im Kofferraum mitzufahren. Das Buslein schlängelte sich in Jogging-Geschwindigkeit die löchrigen Serpentinen hinauf, keuchend und knarrend. Ab und zu drückte der Fahrer auf die Tube, schnitt die Kurven, und zweimal baute er einen Beinahe-Unfall. Sein Rückspiegel streifte einen uns entgegen bretternden Lastwagen. Der Fahrer sagte "Oh", drückte den Spiegel zurecht und fuhr weiter.
Jedenfalls sind wir nach 17 Stunden Fahrt heil angekommen, hier in Dalat, im Hochland Vietnams auf über 1400 Metern. Die Franzosen haben während der Besetzung hier oben ihre Villen gebaut, um der Schwüle des Tieflandes zu entfliehen. Mit 20-25 Grad ist es frisch und angenehm. So frisch, dass einige Vietnamesinnen sich hier nicht nur wie Eskimos kleiden, sondern dazu auch noch Handschuhe und Wollmützen tragen. Dank des anderen Klimas gedeihen hier oben auch Gurken, Kartoffeln und die Erdbeeren, für die die Region bekannt ist. Das bedeutet, dass man hier auch anderes Essen in den Restaurants bekommt, die generell sehr günstig sind. Wir haben nun bereits zwei Mal in einem tollen, gemütlichen, schön eingerichteten Restaurant gegessen. Wir hatten jeweils Salat oder Suppe, Hauptgericht, zwei bis drei Getränke, und haben zu zweit 10 Euro bezahlt. Auch außergewöhnlich: Das ist vermutlich der einzige Ort in Vietnam, wo die Säfte auch ohne Eis angepriesen werden.
Der Reiseführer sprach von einer "beautiful city in the mountains". Die haben wir hier nicht gefunden. Das hier sieht aus wie der Schwarzwald, auf den eine vietnamesische Stadt mit all ihren schicken und hässlichen Streifenhäuschen, Reklametafeln und Rollerfahrern herunter geprasselt ist. Damit das Stadtbild nicht ganz zerfleddert wird, gibt es hier einen See, der jedoch zur Zeit aufgrund des Baus einer Brücke trocken gelegt ist. Die kitsch-romantischen Schwanen-Boote, mit denen sich verliebte Pärchen umher treiben lassen können, stehen wie ausgemustert auf dem braunen Grund. Die alten französischen Villen werden erhalten, aber nicht gepflegt. Mit ihren Ziegeldächern, langen Schornsteinen und gelbbraunen Fassaden wirken sie wie kleine Hexenhäuschen, eingekeilt und erdrückt vom Beton und Chaos des modernen Vietnam.
Im "Dreams Hotel", in dem wir untergebracht sind, haben wir leider kein Fenster, aber die Inhaber sind sehr freundlich, die Dusche ist toll, es gibt sogar einen kleinen Spa-Bereich mit Sauna und Whirlpool, und das Frühstück ist genial. Das waren uns die 5 Dollar Aufpreis zu einem anderen Hotel wert. Und wegen der Stadt, die vielleicht "beautiful" ist nach vietnamesischen Standards, waren wir ohnehin nicht her gekommen.
Nach dem Relaxen im gemütlichen Hoi An wollten wir raus aufs Land. Bei "Groovy Gecko Adventure Tours" haben wir vorgestern eine Trekking-Tour durch das hügelige Umland gebucht. Wir waren zu zweit mit unserem Führer, ein junger witziger Kerl namens Huan. 20 Kilometer Wandern durch die Kiefernwälder, zweimal auf schwingenden Brücken über den braunen Fluss. Die Planken waren teils 30 bis 50 cm voneinander entfernt, und dennoch fahren die hiesigen Farmer mit ihren Rollern darüber. Fast alle Wege, die durch den Wald führen, haben in der Mitte eine 20 cm breite Betonspur für die Mopeds.
Wir liefen durch Kaffeeplantagen hindurch, sahen zu, wie die frühen Bohnen in der Sonne getrocknet wurden, und hatten viel Spaß mit Huan. Er erzählte uns viel über die Umgebung, die Pflanzen und auch über seine Vergangenheit. "Zweimal die Woche" würde er mit seinen Freunden trinken und arbeiten. Einmal von Montag bis Freitag, und das zweite Mal am Wochenende. Außerdem sei er sehr gut in "Running Kung Fu": So schnell wie möglich wegzulaufen, wenn ein Kampf droht. Und das hatte einen durchaus ernsten Hintergrund. Er war in einer ländlichen Gegend Zentralvietnams aufgewachsen. Während seiner Schulzeit kämpften verschiedene Jugendgangs gegeneinander, oft auch mit Messern. Nun ist er ganz froh, dass diese Zeit vorbei ist. Er arbeitet viel, um bald sein Tourismus-Studium fortsetzen zu können.
Es war wirklich genial, mit ihm zu wandern. Wir haben zweimal ein Wettrennen den Berg hinauf gemacht, von denen ich immerhin eines gewann. Und er wollte unbedingt mit mir Armdrücken. Mehrere gefühlte Minuten lang saßen wir da, drückten, und nichts bewegte sich. Er war stark. Wenn ich nicht seit einem Jahr Krafttraining machen würde, hätte er mich innerhalb von zehn Sekunden bezwungen. Doch so wartete ich ab, bis er müde wurde, drückte zu und hatte ihn besiegt. Er war total fertig und lag jammernd und lachend auf dem Boden. Cooler Kerl.
Auch Corinna hatte ihren Spaß. Sie warf mit Stöcken nach ihm und drohte ihm Schläge an, weil er ihr gesagt hatte, sie bräuchte nun keinen Gehstock mehr, als es wieder einmal ziemlich steil den Wald hinab ging. Wir wären ja gerne noch mit ihm was trinken gegangen, aber ich fürchte, er hatte Angst vor starken Frauen
.
Beim Picknick auf dem höchsten Punkt der Tour mit einem schönen Blick hinab ins Tal erzählte er uns einige interessante Dinge über das Leben in einem kommunistischen Staat. So gebe es zwar viele Gesetze für alles mögliche, doch in den ländlichen Gebieten habe die Polizei keine Chance, diese durchzusetzen. Viel kriegt man als Tourist ja nicht mit vom Kommunismus. Mir sind nur die verwaschenen roten Schilder aufgefallen, die in jedem Dorf am Straßenrand hängen, meist zusammen mit dem Konterfei von Ho Chi Minh und einem Spruch, den er gesagt haben soll. Oder mit braven, gut gekleideten Frauen inklusive glücklichen Kindern, die neben einem stolzen Soldaten stehen und erfreut mit erhobenem Haupt in die große Zukunft Vietnams hinein blicken.
Außerdem werden die Leute morgens um Fünf in jedem Ort von der "Stimme Vietnams" geweckt. Parolen und patriotische Musik, die über Lautsprecher durch die Gassen schallt, kurz bevor das Getümmel in den Straßen losgeht. Interessant fand ich, dass jede Familie nur zwei Kinder haben darf. Es sei denn, das zweite ist ein Mädchen. Dann darf man noch ein Mädchen bekommen. Wie so oft in Asien wurden früher die Jungen als Familienoberhaupt bevorzugt und Mädchen abgetrieben. Und nun versucht der Staat, durch diese Regel wieder mehr Frauen zu bekommen.
Da wir nach der Tour nicht müde waren, buchten wir sofort eine andere für den gestrigen Tag: Canyoning! Wir beide hatten das noch nie gemacht, doch die Bilder versprachen einen tollen, erlebnisreichen Tag.
Und das war es auch. Mit Schwimmwesten und Helmen ausgestattet hangelten wir uns einen halben Tag lang an glitschigen Pfaden den Fluss entlang, wateten hindurch, schwammen und tauchten. Wir seilten uns an 15 und 18 Meter hohen Felswänden ab und sprangen bei einem Wasserfall zunächst aus 4 Metern Höhe in den Fluss. Die Tour steigerte sich immer mehr, wurde an jedem Punkt ein Stückchen besser. Der absolute Höhepunkt war das Abseilen mitten in einem 20 Meter hohen Wasserfall. Der Fels war glitschig, das Wasser prasselte auf uns hinab. Die letzten paar Meter ließen wir uns rückwärts in den Fluss hinein fallen. Ein geiles Gefühl!
Zwischendurch machten wir zwei Mal "Watersliding": Sich hinlegen und vorwärts oder rückwärts einen kleinen Wasserfall hinunter flutschen. Sehr lustig. Das meiste Adrenalin brauchten wir jedoch beim Sprung von einer 11 Meter hohen Felswand. Wir hätten auch aus 7 Metern springen können, aber wie das nun mal so ist, wenn man mit Jungs unterwegs ist (außer uns waren noch zwei Franzosen in der Gruppe), packt man seine Ängste in einen kleinen Sack, verschließt ihn mit einem dicken Knoten, nimmt Anlauf, springt, fliegt, spürt wie das Angstsäckchen sich langsam öffnet und sein kribbelnder Inhalt sich im Magen ausbreitet, und dann landet man auch schon im Fluss, taucht unter, schluckt Wasser, erreicht die Oberfläche, ringt nach Luft, schaut hinauf, kann es nicht glauben, und man ist glücklich. Absolut verrückt.
Leider ist Corinna etwas vorwärts geneigt auf dem Wasser aufgekommen und hat sich eine Prellung im Brustbereich zugezogen. Sie bekam zunächst keine Luft mehr, aber da sie immer mehr und mehr möchte und niemals aufgibt, hatte sie sogar den Gedanken im Kopf, noch einmal zu springen. Als die Tour nach einem letzten Abseilen in einem rauschenden Fall namens "Waschmaschine" zuende war, wollte sie bereits die nächste Tour für den heutigen Tag buchen: Mountainbiken. Da es mir aber auch nicht so gut ging, da ich mir eine leichte Erkältung eingefangen hatte, verschoben wir die Entscheidung lieber auf den heutigen Tag.
Heute geht es uns relativ gut. Ich bin dank ein paar Pillen Grippostad wieder fit. Corinnas Brust und Rücken schmerzten zwar noch ein wenig, aber dennoch setzte sie alle Hebel in Bewegung, damit wir mittags noch eine Mountainbiking-Tour machen konnten. Denn wenn Corinna eines auf den Tod nicht leiden kann, dann ist es rumzusitzen und nichts zu tun zu haben. Diese Frau ist nicht tot zu kriegen. Obwohl ich äußerst gut mithalte, traute ich mich heute Morgen ja kaum zu erwähnen, dass ich etwas Muskelkater in den Oberschenkeln habe (Antwort war: "Ey, warum haste denn Muskelkater, wir haben doch noch gar nichts gemacht!"). Da wir unsere Pläne jedoch ändern mussten und nun den Dschungel-Nationalpark auslassen (der in dieser Saison nicht so spektakulär sein soll), werden wir vermutlich noch ein paar recht lockere Tage in Saigon und dem Mekong-Delta verbringen.
Da die Touren normalerweise morgens starten, sahen die zwei Guides für unsere Radtour nicht gerade begeistert aus. Noch schlimmer: Sie waren nicht im geringsten motiviert. Wir waren allein mit den beiden, und drei von den vier Mountainbikes hatten irgendwelche Probleme. Beim einen war die Schaltung kaputt, beim nächsten hing das Pedal schief und der Sattel saß nicht fest. Aufgrund irgendwelcher Kommunikationsprobleme (die beiden konnten sehr schlecht Englisch) fuhren wir viel zu lange durch die Stadt und auf irgendwelchen Baustellen herum. Erst als Corinna sich beschwerte (gut gemacht, Corinna!), fuhren wir aufs Land hinaus. Aber auch dort war es nicht wirklich schön und die matschigen Wege waren vom vielen Regen sehr zerklüftet und hatten riesige Gräben. Jedenfalls war ich ganz froh, dass auch Corinna ein bisschen an ihre Grenzen kam. So konnte ich den starken Mann markieren und mit letzten Kräften den Berg hinauf strampeln, bei dem unsere Guides und Corinna absteigen mussten. Überhaupt waren die beiden Kerle alles andere als fit. Oft genug mussten wir das Tempo angeben, weil wir nicht mit 3 km/h durch die Landschaft duseln wollten.
Die letzte Tour war nicht der Bringer, aber die anderen beiden waren absolut genial. Wir ziehen aus diesen Tagen alles raus, was nur so geht. Nun haben wir sogar das "Valley of Love" gesehen, ein künstlich angelegter See mit Schwanenbooten, lustigen Buschhütten, kleinen Blumengärtchen und Statuen von nackten Frauen. Ein toller Ort für vietnamesische Pärchen, die Lust auf ein bisschen Kitsch haben. Trekking, Canyoning und Mountainbiken können wir zwar auch (und vermutlich noch viel besser) im Schwarzwald oder in der Schweiz machen, aber dennoch ist es saugeil und macht eine Menge Spaß. Außerdem würden wir in Deutschland für eine Tour in einer kleinen Gruppe wie dieser vermutlich weit mehr als die 20-28 Dollar bezahlen, die es hier gekostet hat.
Diese Fahrt war weit schlimmer. Nach dem Motto "Einer geht noch, einer geht noch rein" hielt das Ding ständig am Straßenrand, Passagiere wurden raus und rein gequetscht. Und als wir dachten, dass es unmöglich wäre, jetzt nochmal jemanden einzuladen, wurde ein Vietnamese freundlich dazu gedrängt, für ne Weile im Kofferraum mitzufahren. Das Buslein schlängelte sich in Jogging-Geschwindigkeit die löchrigen Serpentinen hinauf, keuchend und knarrend. Ab und zu drückte der Fahrer auf die Tube, schnitt die Kurven, und zweimal baute er einen Beinahe-Unfall. Sein Rückspiegel streifte einen uns entgegen bretternden Lastwagen. Der Fahrer sagte "Oh", drückte den Spiegel zurecht und fuhr weiter.
Jedenfalls sind wir nach 17 Stunden Fahrt heil angekommen, hier in Dalat, im Hochland Vietnams auf über 1400 Metern. Die Franzosen haben während der Besetzung hier oben ihre Villen gebaut, um der Schwüle des Tieflandes zu entfliehen. Mit 20-25 Grad ist es frisch und angenehm. So frisch, dass einige Vietnamesinnen sich hier nicht nur wie Eskimos kleiden, sondern dazu auch noch Handschuhe und Wollmützen tragen. Dank des anderen Klimas gedeihen hier oben auch Gurken, Kartoffeln und die Erdbeeren, für die die Region bekannt ist. Das bedeutet, dass man hier auch anderes Essen in den Restaurants bekommt, die generell sehr günstig sind. Wir haben nun bereits zwei Mal in einem tollen, gemütlichen, schön eingerichteten Restaurant gegessen. Wir hatten jeweils Salat oder Suppe, Hauptgericht, zwei bis drei Getränke, und haben zu zweit 10 Euro bezahlt. Auch außergewöhnlich: Das ist vermutlich der einzige Ort in Vietnam, wo die Säfte auch ohne Eis angepriesen werden.
Der Reiseführer sprach von einer "beautiful city in the mountains". Die haben wir hier nicht gefunden. Das hier sieht aus wie der Schwarzwald, auf den eine vietnamesische Stadt mit all ihren schicken und hässlichen Streifenhäuschen, Reklametafeln und Rollerfahrern herunter geprasselt ist. Damit das Stadtbild nicht ganz zerfleddert wird, gibt es hier einen See, der jedoch zur Zeit aufgrund des Baus einer Brücke trocken gelegt ist. Die kitsch-romantischen Schwanen-Boote, mit denen sich verliebte Pärchen umher treiben lassen können, stehen wie ausgemustert auf dem braunen Grund. Die alten französischen Villen werden erhalten, aber nicht gepflegt. Mit ihren Ziegeldächern, langen Schornsteinen und gelbbraunen Fassaden wirken sie wie kleine Hexenhäuschen, eingekeilt und erdrückt vom Beton und Chaos des modernen Vietnam.
Im "Dreams Hotel", in dem wir untergebracht sind, haben wir leider kein Fenster, aber die Inhaber sind sehr freundlich, die Dusche ist toll, es gibt sogar einen kleinen Spa-Bereich mit Sauna und Whirlpool, und das Frühstück ist genial. Das waren uns die 5 Dollar Aufpreis zu einem anderen Hotel wert. Und wegen der Stadt, die vielleicht "beautiful" ist nach vietnamesischen Standards, waren wir ohnehin nicht her gekommen.
Nach dem Relaxen im gemütlichen Hoi An wollten wir raus aufs Land. Bei "Groovy Gecko Adventure Tours" haben wir vorgestern eine Trekking-Tour durch das hügelige Umland gebucht. Wir waren zu zweit mit unserem Führer, ein junger witziger Kerl namens Huan. 20 Kilometer Wandern durch die Kiefernwälder, zweimal auf schwingenden Brücken über den braunen Fluss. Die Planken waren teils 30 bis 50 cm voneinander entfernt, und dennoch fahren die hiesigen Farmer mit ihren Rollern darüber. Fast alle Wege, die durch den Wald führen, haben in der Mitte eine 20 cm breite Betonspur für die Mopeds.
Wir liefen durch Kaffeeplantagen hindurch, sahen zu, wie die frühen Bohnen in der Sonne getrocknet wurden, und hatten viel Spaß mit Huan. Er erzählte uns viel über die Umgebung, die Pflanzen und auch über seine Vergangenheit. "Zweimal die Woche" würde er mit seinen Freunden trinken und arbeiten. Einmal von Montag bis Freitag, und das zweite Mal am Wochenende. Außerdem sei er sehr gut in "Running Kung Fu": So schnell wie möglich wegzulaufen, wenn ein Kampf droht. Und das hatte einen durchaus ernsten Hintergrund. Er war in einer ländlichen Gegend Zentralvietnams aufgewachsen. Während seiner Schulzeit kämpften verschiedene Jugendgangs gegeneinander, oft auch mit Messern. Nun ist er ganz froh, dass diese Zeit vorbei ist. Er arbeitet viel, um bald sein Tourismus-Studium fortsetzen zu können.
Es war wirklich genial, mit ihm zu wandern. Wir haben zweimal ein Wettrennen den Berg hinauf gemacht, von denen ich immerhin eines gewann. Und er wollte unbedingt mit mir Armdrücken. Mehrere gefühlte Minuten lang saßen wir da, drückten, und nichts bewegte sich. Er war stark. Wenn ich nicht seit einem Jahr Krafttraining machen würde, hätte er mich innerhalb von zehn Sekunden bezwungen. Doch so wartete ich ab, bis er müde wurde, drückte zu und hatte ihn besiegt. Er war total fertig und lag jammernd und lachend auf dem Boden. Cooler Kerl.
Auch Corinna hatte ihren Spaß. Sie warf mit Stöcken nach ihm und drohte ihm Schläge an, weil er ihr gesagt hatte, sie bräuchte nun keinen Gehstock mehr, als es wieder einmal ziemlich steil den Wald hinab ging. Wir wären ja gerne noch mit ihm was trinken gegangen, aber ich fürchte, er hatte Angst vor starken Frauen
Beim Picknick auf dem höchsten Punkt der Tour mit einem schönen Blick hinab ins Tal erzählte er uns einige interessante Dinge über das Leben in einem kommunistischen Staat. So gebe es zwar viele Gesetze für alles mögliche, doch in den ländlichen Gebieten habe die Polizei keine Chance, diese durchzusetzen. Viel kriegt man als Tourist ja nicht mit vom Kommunismus. Mir sind nur die verwaschenen roten Schilder aufgefallen, die in jedem Dorf am Straßenrand hängen, meist zusammen mit dem Konterfei von Ho Chi Minh und einem Spruch, den er gesagt haben soll. Oder mit braven, gut gekleideten Frauen inklusive glücklichen Kindern, die neben einem stolzen Soldaten stehen und erfreut mit erhobenem Haupt in die große Zukunft Vietnams hinein blicken.
Außerdem werden die Leute morgens um Fünf in jedem Ort von der "Stimme Vietnams" geweckt. Parolen und patriotische Musik, die über Lautsprecher durch die Gassen schallt, kurz bevor das Getümmel in den Straßen losgeht. Interessant fand ich, dass jede Familie nur zwei Kinder haben darf. Es sei denn, das zweite ist ein Mädchen. Dann darf man noch ein Mädchen bekommen. Wie so oft in Asien wurden früher die Jungen als Familienoberhaupt bevorzugt und Mädchen abgetrieben. Und nun versucht der Staat, durch diese Regel wieder mehr Frauen zu bekommen.
Da wir nach der Tour nicht müde waren, buchten wir sofort eine andere für den gestrigen Tag: Canyoning! Wir beide hatten das noch nie gemacht, doch die Bilder versprachen einen tollen, erlebnisreichen Tag.
Und das war es auch. Mit Schwimmwesten und Helmen ausgestattet hangelten wir uns einen halben Tag lang an glitschigen Pfaden den Fluss entlang, wateten hindurch, schwammen und tauchten. Wir seilten uns an 15 und 18 Meter hohen Felswänden ab und sprangen bei einem Wasserfall zunächst aus 4 Metern Höhe in den Fluss. Die Tour steigerte sich immer mehr, wurde an jedem Punkt ein Stückchen besser. Der absolute Höhepunkt war das Abseilen mitten in einem 20 Meter hohen Wasserfall. Der Fels war glitschig, das Wasser prasselte auf uns hinab. Die letzten paar Meter ließen wir uns rückwärts in den Fluss hinein fallen. Ein geiles Gefühl!
Zwischendurch machten wir zwei Mal "Watersliding": Sich hinlegen und vorwärts oder rückwärts einen kleinen Wasserfall hinunter flutschen. Sehr lustig. Das meiste Adrenalin brauchten wir jedoch beim Sprung von einer 11 Meter hohen Felswand. Wir hätten auch aus 7 Metern springen können, aber wie das nun mal so ist, wenn man mit Jungs unterwegs ist (außer uns waren noch zwei Franzosen in der Gruppe), packt man seine Ängste in einen kleinen Sack, verschließt ihn mit einem dicken Knoten, nimmt Anlauf, springt, fliegt, spürt wie das Angstsäckchen sich langsam öffnet und sein kribbelnder Inhalt sich im Magen ausbreitet, und dann landet man auch schon im Fluss, taucht unter, schluckt Wasser, erreicht die Oberfläche, ringt nach Luft, schaut hinauf, kann es nicht glauben, und man ist glücklich. Absolut verrückt.
Leider ist Corinna etwas vorwärts geneigt auf dem Wasser aufgekommen und hat sich eine Prellung im Brustbereich zugezogen. Sie bekam zunächst keine Luft mehr, aber da sie immer mehr und mehr möchte und niemals aufgibt, hatte sie sogar den Gedanken im Kopf, noch einmal zu springen. Als die Tour nach einem letzten Abseilen in einem rauschenden Fall namens "Waschmaschine" zuende war, wollte sie bereits die nächste Tour für den heutigen Tag buchen: Mountainbiken. Da es mir aber auch nicht so gut ging, da ich mir eine leichte Erkältung eingefangen hatte, verschoben wir die Entscheidung lieber auf den heutigen Tag.
Heute geht es uns relativ gut. Ich bin dank ein paar Pillen Grippostad wieder fit. Corinnas Brust und Rücken schmerzten zwar noch ein wenig, aber dennoch setzte sie alle Hebel in Bewegung, damit wir mittags noch eine Mountainbiking-Tour machen konnten. Denn wenn Corinna eines auf den Tod nicht leiden kann, dann ist es rumzusitzen und nichts zu tun zu haben. Diese Frau ist nicht tot zu kriegen. Obwohl ich äußerst gut mithalte, traute ich mich heute Morgen ja kaum zu erwähnen, dass ich etwas Muskelkater in den Oberschenkeln habe (Antwort war: "Ey, warum haste denn Muskelkater, wir haben doch noch gar nichts gemacht!"). Da wir unsere Pläne jedoch ändern mussten und nun den Dschungel-Nationalpark auslassen (der in dieser Saison nicht so spektakulär sein soll), werden wir vermutlich noch ein paar recht lockere Tage in Saigon und dem Mekong-Delta verbringen.
Da die Touren normalerweise morgens starten, sahen die zwei Guides für unsere Radtour nicht gerade begeistert aus. Noch schlimmer: Sie waren nicht im geringsten motiviert. Wir waren allein mit den beiden, und drei von den vier Mountainbikes hatten irgendwelche Probleme. Beim einen war die Schaltung kaputt, beim nächsten hing das Pedal schief und der Sattel saß nicht fest. Aufgrund irgendwelcher Kommunikationsprobleme (die beiden konnten sehr schlecht Englisch) fuhren wir viel zu lange durch die Stadt und auf irgendwelchen Baustellen herum. Erst als Corinna sich beschwerte (gut gemacht, Corinna!), fuhren wir aufs Land hinaus. Aber auch dort war es nicht wirklich schön und die matschigen Wege waren vom vielen Regen sehr zerklüftet und hatten riesige Gräben. Jedenfalls war ich ganz froh, dass auch Corinna ein bisschen an ihre Grenzen kam. So konnte ich den starken Mann markieren und mit letzten Kräften den Berg hinauf strampeln, bei dem unsere Guides und Corinna absteigen mussten. Überhaupt waren die beiden Kerle alles andere als fit. Oft genug mussten wir das Tempo angeben, weil wir nicht mit 3 km/h durch die Landschaft duseln wollten.
Die letzte Tour war nicht der Bringer, aber die anderen beiden waren absolut genial. Wir ziehen aus diesen Tagen alles raus, was nur so geht. Nun haben wir sogar das "Valley of Love" gesehen, ein künstlich angelegter See mit Schwanenbooten, lustigen Buschhütten, kleinen Blumengärtchen und Statuen von nackten Frauen. Ein toller Ort für vietnamesische Pärchen, die Lust auf ein bisschen Kitsch haben. Trekking, Canyoning und Mountainbiken können wir zwar auch (und vermutlich noch viel besser) im Schwarzwald oder in der Schweiz machen, aber dennoch ist es saugeil und macht eine Menge Spaß. Außerdem würden wir in Deutschland für eine Tour in einer kleinen Gruppe wie dieser vermutlich weit mehr als die 20-28 Dollar bezahlen, die es hier gekostet hat.
Montag, 2. August 2010
Relaxen in Hoi An
Die Vietnamesen sind ein spannendes Völkchen. Wir haben viel gelernt, gesehen und erlebt, und ganz nebenbei haben wir ein Leben gerettet.
Im Bus von Hue nach Hoi An haben wir Ralf kennen gelernt, ein Kerl, mit dem ich niemals in Kontakt getreten wäre, hätte er es nicht getan. Ralf ist Ende 40, kommt aus Berlin und lebt in Vietnam. Sein dicker Bierbauch, seine schlechten Zähne und seine herrische Art, die sich bei einem "Machtspielchen" im Bus kurz zeigte, ließen mich ihn in die Kategorie "Sextourist" einordnen. Doch Ralf ist zum Glück anders. Er verleiht Motorräder für Touren zwischen verschiedenen Städten, genießt das lockere Leben in Hoi An, und spricht sich offen gegen den Tourismuswahn aus, der das ganze Land ergriffen hat.
Auf dem Weg von Danang nach Hoi An fährt man an der Küste entlang, doch man sieht sie nicht. Kilometerweit sind die Strände abgesperrt. Überall werden Touristen-Ressorts gebaut. Riesige Komplexe mit Bungalows, Betonburgen, Pools und Golfplätzen. Privatstrand vorne, Pförtnerhäuschen hinten. Ist dies das unausweichliche Schicksal eines jeden Landes mit schöner Natur und netten Stränden? Es fühlt sich so an, als würde dieses Land Stück für Stück sein Herz verkaufen.
Wenn man durch die Straßen fährt, sieht man die Vietnamesen in ihrem täglichen Leben. Frauen sitzen an der Straße und verkaufen ihre Waren. Männer und Frauen zugleich hämmern und schweißen auf den zahlreichen Baustellen. Alle sitzen sie in den kleinen Straßenrestaurants auf winzigen Baby-Plastikstühlen. Die Männer rollen sich gerne ihr Hemd hoch und lassen ihren braunen Bauch von dem bisschen Wind liebkosen, der durch den dröhnenden Verkehr erzeugt wird. Man sieht sie in ihren Schlafanzügen einkaufen, besoffen auf der Straße liegen, und betäubt von der Hitze in ihren Geschäften dösen oder in Hängematten schlafen.
Ganz besonders verrückt sind die Mädchen, die sich wie Eskimos kleiden, wenn sie in der Sonne unterwegs sind. Sie tragen Pullover mit Kapuze und langen Hosen und bedecken ihr Gesicht mit einer überdimensionierten Schutzmaske. Am Strand trafen wir eine, die hatte dicke weiße Strumpfhosen an und trug zweischichtige Kleidung. Bei 35 Grad und über 70% Luftfeuchtigkeit! Wir fragten sie, warum sie denn so verrückte Sachen mache. Sie sagte, dass sie unbedingt weiße Haut haben möchte, weil dunkle Haut ja mal überhaupt nicht sexy sei. Ich frage mich allerdings, wann sie ihre helle Haut denn mal zeigen will. Nachts? Im Haus?
Wenn es Ralf nicht gesagt hätte, wäre es uns vielleicht nicht einmal so richtig aufgefallen: In Vietnam haben die Frauen das Ruder in der Hand. Sie sind es, die die Geschäfte und Restaurants betreiben. Sie arbeiten überall mit, auch bei den härtesten Baustellenjobs. Wenn man einen Kerl irgendwo nach dem Weg fragt, kriegt er manchmal Panik in den Augen und ruft seine kleine Schwester, die dann spannenderweise ein paar Brocken Englisch kann, selbst wenn sie erst zehn Jahre alt ist.
Was mich aber hier im Vergleich zu meinen bisherigen Asienreisen am meisten überrascht ist, wie schön die Häuschen hier sein können. Weder in Malaysia noch in Südkorea hatte man den Eindruck, dass es den Leuten wichtig war, wie ihr Haus aussah. Dort war Haus gleich "Betonding in dem man schläft". Keine Gärten, keine Farbe, keine Dokorationen oder architektonischen Schnörkel. Ganz anders hier. Wenn man von der Hässlichkeit absieht, dass die meisten Häuser als Reihenhäuschen gebaut werden, bei denen die eine Seite betonkahl verbleibt, so sind die Vorderseiten oft wunderbar gestaltet mit Balkonen, Türmchen, spitzen Giebelchen, und das alles garniert mit frischen, spannenden Farben.
Seit wir hier in diesem netten Hotel in Hoi An sind, fühlen wir uns so richtig wohl. Wenn man von meiner Dysenterie mal absieht, die langsam und sicher das Weite sucht, so freuen wir uns hier über die Ruhe in der Nacht, die guten Betten, das nette Frühstücksbuffet, und sogar darüber, dass die Getränke und Süßigkeiten in der Minibar nicht mehr kosten als auf der Straße.
Gestern haben sind wir mit den Fahrrädern von unserem Hotel aus Richtung Norden gefahren, hinein in kleine Seitenstraßen, die zu den einzelnen Häusern führen. Egal, wo man hinkommt, egal wo man durchfährt: Überall scheinen sich die Menschen zu freuen, dass sie Touristen sehen, die etwas abseits fahren, die sehen möchten, wie das echte Vietnam aussieht. Nicht die Kinder natürlich. Die rufen "Hello", weil sie das Wort so toll finden und beim Abhängen vor der Glotze oder beim Spielen auf der Straße nur darauf warten, bis wieder mal einer vorbei kommt. Viel schöner ist es, wenn man von alten Frauen oder Männern angelächelt wird, wenn man ihnen zunickt und sie zurück nicken. Wenn man bedenkt, was diese Menschen in ihrem Leben durchgemacht haben. Ein gutes Gefühl.
Als wir auf der großen Straße fuhren, sah ich vor mir ein klapperndes Gespenst seinen Drahtesel schieben. Es war ein älterer Mann, rund 60 Jahre alt. Weißes Haar, braun gegerbte Haut. Er konnte nicht mehr gerade gehen, tapselte langsam vorwärts, hielt sich an seinem Rad. Der Schweiß floss in Sturzbächen seinen Körper hinunter. Die Sonne brannte mit 35 Grad direkt von oben. Der Mann sah aus, als würde er jede Minute zusammenklappen und sterben.
Da kein Autofahrer und kein Mopedfahrer angehalten hatte, konnte ich nicht anders als ihm zu helfen. Corinna war schon vor gefahren und wunderte sich, wo ich denn schon wieder blieb. Ich gab ihm mein letztes Wasser zu trinken, versuchte mit ihm zu reden. Aus Frankreich kam er. Zum Strand wollte er. Er war mit seinem Rad gestürzt, hatte keinerlei Wasser dabei, und hat sich offenbar mit dem Ziel übernommen, die 5 km bis zum Strand durch die sengende Hitze heil zu überstehen.
Irgendwann kam Corinna und wir riefen ein Taxi. Da der Mann kurz vor einem Hitzschlag stand, wollten wir, dass er ins Hotel zurück fuhr. Doch der alte Bock blieb stur. "To the beach", keuchte er. Er war so schwach, dass jemand helfen musste, seine Beine ins Taxi zu befördern. Als wir nach wenigen Minuten ebenfalls am Strand ankamen, lag er in einem Liegestuhl, wurde von ein paar Vietnamesen versorgt und trank... ein Bier. Nun ja.
Wir haben es uns gemütlich gemacht, sind ein bisschen geschwommen und haben zugesehen, wie das Gespenst, nachdem es sich wieder etwas erholt hatte, schwankend vor dem Wasser stand und sich irgendwann hinein fallen ließ, ähnlich unkontrolliert wie ein Haus, das bei einem Sturm zusammenbricht. Und wie er zurück torkelte zu seinem Liegestuhl, zurück zu seinem Bier. "I have spent 4 years in the middle east", hatte er gesagt. Als Rechtfertigung dafür, dass er ja eigentlich mit der Hitze klarkommen müsste? Wer weiß, vielleicht war er früher in der Fremdenlegion und macht nun in den Ländern Urlaub, in denen er damals gekämpft hat. Wir haben jedenfalls eine gute Tat getan. Ob er diesen Urlaub überlebt, wenn er so weiter macht, bezweifeln wir.
Abends radelten wir Richtung Stadt, doch wir kamen nicht weit. Corinna blieb gleich beim ersten Kleiderladen hängen, der an der Straße auftauchte. Wir vereinbarten, uns in einer Stunde an der japanischen Brücke zu treffen, und wenn das nicht klappt, dann eben im Hotel. Ich war natürlich rechtzeitig dort und wartete. Ich drehte ein paar Runden, um zu sehen, ob sie irgendwo anders war, doch ich fand sie nicht. Irgendwann setzte ich mich in ein Cafe, bestellte mir mein magenfreundliches Hühnersüppchen, und musste fast eine Stunde lang darauf warten. Ich machte mir ein wenig Sorgen, weil ich mein Handy nicht dabei hatte, und weil ich fürchtete, dass Corinna sich in der unübersichtlichen Stadt verfahren könnte. Natürlich hat sie nie Probleme damit, sich durchzufragen, aber dennoch verblieb ein unwohles Gefühl.
Als ich abends um halb Zehn im Hotel ankam, saß sie lachend bei ein paar Österreichern. Es war alles in Ordnung. Sie war gar nicht weiter gekommen als bis zum ersten Laden. Und dort hat sie drei Kleider, einen Mantel, einen Bikini und drei Paar Schuhe gekauft. Alles maßgeschneidert, angepasst oder komplett neu, für zusammen nicht mal 120 Dollar. Yikes! Frauen!
Und wie glücklich sie war! Zwar hat sie sich tausend Gedanken gemacht, ob sie nicht etwas zu vorschnell gehandelt hat, ohne vorher zu vergleichen, aber dennoch war sie glücklich. Und nicht nur wegen dem. Sie hat sicherlich 30 Mal gesagt, wie schön das Hotel doch sei. Und wie gut es ihr hier gefällt. Wie toll es hier ist. Und wollte gleich wieder in einen Kleiderladen düsen, um sich noch ne Bluse und noch nen Bikini zu kaufen.
Es geht ruhiger zu in dieser Stadt. Ein Touristenörtchen mit vielen Souvenirläden und Gässchen, in denen man umherbummeln und gut essen kann. Das ist keine typische vietnamesische Stadt, und genau deshalb fühlt sie sich besser an. Sicherlich ist vieles gekünstelt, damit die Touristen glücklich sind, aber dennoch macht es ein paar Tage lang Spaß, hier zu sein. Vor allem dann, wenn man auch rausfährt.
Gestern haben wir uns für 80er-Roller für 5 Dollar gemietet und sind damit gleich 50 km weit zu den Cham-Ruinen von My Son gefahren. Wir sind beide noch nie auf einem Roller gesessen, doch schon nach kurzer Zeit ging das ganz locker von der Hand. So einfach! Und wieviel Spaß das gemacht hat, mit 50-70 Sachen durch Vietnam zu heizen oder langsam im städtischen Verkehr mitzuschwimmen. Und auch mal zu hupen, wenn ein blöder Hund nicht von der Straße weggehen wollte.
Mit ein bisschen Durchfragen war es kein Problem, My Son zu finden. Und als wir dann da waren, war ich doch ein klein wenig enttäuscht, dass nur eine Gruppe gut erhalten war, und die anderen nur noch aus ein paar herumliegenden Steinhaufen bestanden. Diese grasüberwucherten Ruinen der Cham-Kultur sind über 800 Jahre alt, liegen mitten im Wald, bewacht vom Cat's Tooth Mountain, und wirken aufgrund ihrer spannenden Architektur majestätisch und mystisch zugleich.
Corinna musste mir abends unbedingt ihre neuen Kleider vorführen. Was für einen Spaß sie dabei hatte! Das Problem ist nur, dass sie in dieser Stadt, wo es pro Gasse zehn verschiedene Schneiderläden gibt, die alles machen, was man zeigen oder beschreiben kann, in jedem (ja, in jedem) Laden hängen bleibt. Und später muss man genau die Läden, in denen man was bestellt hat, wiederfinden können. Bei einer solchen Kleiderladendichte absolut keine leichte Aufgabe.
Heute relaxen wir hier noch ein bisschen am Strand. Ich muss aufpassen wegen der Sonne, meine Arme sind schon sehr rot geworden aufgrund der Rollerfahrerei. Und bereiten uns vor auf die nächste Busfahrt Richtung Süden. 12 Stunden für 550 km. Leider muss das sein, wir kommen nicht drum herum, wenn wir nicht zuviel Zeit verlieren wollen. Dieses Mal werden wir aber einen Schlafbus nehmen. Vielleichts wird dann nicht ganz so eklig werden wie beim letzten Mal. Da Corinna heute Nacht bis um 5 Uhr morgens mit ein paar Iren gefeiert hat, und ich im Bett lag, weil mich die Sonne und ein paar Halsschmerzen matt gelegt hatten, wird sie vermutlich keine Probleme mit dem Schlafen haben. Gut für sie
Im Bus von Hue nach Hoi An haben wir Ralf kennen gelernt, ein Kerl, mit dem ich niemals in Kontakt getreten wäre, hätte er es nicht getan. Ralf ist Ende 40, kommt aus Berlin und lebt in Vietnam. Sein dicker Bierbauch, seine schlechten Zähne und seine herrische Art, die sich bei einem "Machtspielchen" im Bus kurz zeigte, ließen mich ihn in die Kategorie "Sextourist" einordnen. Doch Ralf ist zum Glück anders. Er verleiht Motorräder für Touren zwischen verschiedenen Städten, genießt das lockere Leben in Hoi An, und spricht sich offen gegen den Tourismuswahn aus, der das ganze Land ergriffen hat.
Auf dem Weg von Danang nach Hoi An fährt man an der Küste entlang, doch man sieht sie nicht. Kilometerweit sind die Strände abgesperrt. Überall werden Touristen-Ressorts gebaut. Riesige Komplexe mit Bungalows, Betonburgen, Pools und Golfplätzen. Privatstrand vorne, Pförtnerhäuschen hinten. Ist dies das unausweichliche Schicksal eines jeden Landes mit schöner Natur und netten Stränden? Es fühlt sich so an, als würde dieses Land Stück für Stück sein Herz verkaufen.
Wenn man durch die Straßen fährt, sieht man die Vietnamesen in ihrem täglichen Leben. Frauen sitzen an der Straße und verkaufen ihre Waren. Männer und Frauen zugleich hämmern und schweißen auf den zahlreichen Baustellen. Alle sitzen sie in den kleinen Straßenrestaurants auf winzigen Baby-Plastikstühlen. Die Männer rollen sich gerne ihr Hemd hoch und lassen ihren braunen Bauch von dem bisschen Wind liebkosen, der durch den dröhnenden Verkehr erzeugt wird. Man sieht sie in ihren Schlafanzügen einkaufen, besoffen auf der Straße liegen, und betäubt von der Hitze in ihren Geschäften dösen oder in Hängematten schlafen.
Ganz besonders verrückt sind die Mädchen, die sich wie Eskimos kleiden, wenn sie in der Sonne unterwegs sind. Sie tragen Pullover mit Kapuze und langen Hosen und bedecken ihr Gesicht mit einer überdimensionierten Schutzmaske. Am Strand trafen wir eine, die hatte dicke weiße Strumpfhosen an und trug zweischichtige Kleidung. Bei 35 Grad und über 70% Luftfeuchtigkeit! Wir fragten sie, warum sie denn so verrückte Sachen mache. Sie sagte, dass sie unbedingt weiße Haut haben möchte, weil dunkle Haut ja mal überhaupt nicht sexy sei. Ich frage mich allerdings, wann sie ihre helle Haut denn mal zeigen will. Nachts? Im Haus?
Wenn es Ralf nicht gesagt hätte, wäre es uns vielleicht nicht einmal so richtig aufgefallen: In Vietnam haben die Frauen das Ruder in der Hand. Sie sind es, die die Geschäfte und Restaurants betreiben. Sie arbeiten überall mit, auch bei den härtesten Baustellenjobs. Wenn man einen Kerl irgendwo nach dem Weg fragt, kriegt er manchmal Panik in den Augen und ruft seine kleine Schwester, die dann spannenderweise ein paar Brocken Englisch kann, selbst wenn sie erst zehn Jahre alt ist.
Was mich aber hier im Vergleich zu meinen bisherigen Asienreisen am meisten überrascht ist, wie schön die Häuschen hier sein können. Weder in Malaysia noch in Südkorea hatte man den Eindruck, dass es den Leuten wichtig war, wie ihr Haus aussah. Dort war Haus gleich "Betonding in dem man schläft". Keine Gärten, keine Farbe, keine Dokorationen oder architektonischen Schnörkel. Ganz anders hier. Wenn man von der Hässlichkeit absieht, dass die meisten Häuser als Reihenhäuschen gebaut werden, bei denen die eine Seite betonkahl verbleibt, so sind die Vorderseiten oft wunderbar gestaltet mit Balkonen, Türmchen, spitzen Giebelchen, und das alles garniert mit frischen, spannenden Farben.
Seit wir hier in diesem netten Hotel in Hoi An sind, fühlen wir uns so richtig wohl. Wenn man von meiner Dysenterie mal absieht, die langsam und sicher das Weite sucht, so freuen wir uns hier über die Ruhe in der Nacht, die guten Betten, das nette Frühstücksbuffet, und sogar darüber, dass die Getränke und Süßigkeiten in der Minibar nicht mehr kosten als auf der Straße.
Gestern haben sind wir mit den Fahrrädern von unserem Hotel aus Richtung Norden gefahren, hinein in kleine Seitenstraßen, die zu den einzelnen Häusern führen. Egal, wo man hinkommt, egal wo man durchfährt: Überall scheinen sich die Menschen zu freuen, dass sie Touristen sehen, die etwas abseits fahren, die sehen möchten, wie das echte Vietnam aussieht. Nicht die Kinder natürlich. Die rufen "Hello", weil sie das Wort so toll finden und beim Abhängen vor der Glotze oder beim Spielen auf der Straße nur darauf warten, bis wieder mal einer vorbei kommt. Viel schöner ist es, wenn man von alten Frauen oder Männern angelächelt wird, wenn man ihnen zunickt und sie zurück nicken. Wenn man bedenkt, was diese Menschen in ihrem Leben durchgemacht haben. Ein gutes Gefühl.
Als wir auf der großen Straße fuhren, sah ich vor mir ein klapperndes Gespenst seinen Drahtesel schieben. Es war ein älterer Mann, rund 60 Jahre alt. Weißes Haar, braun gegerbte Haut. Er konnte nicht mehr gerade gehen, tapselte langsam vorwärts, hielt sich an seinem Rad. Der Schweiß floss in Sturzbächen seinen Körper hinunter. Die Sonne brannte mit 35 Grad direkt von oben. Der Mann sah aus, als würde er jede Minute zusammenklappen und sterben.
Da kein Autofahrer und kein Mopedfahrer angehalten hatte, konnte ich nicht anders als ihm zu helfen. Corinna war schon vor gefahren und wunderte sich, wo ich denn schon wieder blieb. Ich gab ihm mein letztes Wasser zu trinken, versuchte mit ihm zu reden. Aus Frankreich kam er. Zum Strand wollte er. Er war mit seinem Rad gestürzt, hatte keinerlei Wasser dabei, und hat sich offenbar mit dem Ziel übernommen, die 5 km bis zum Strand durch die sengende Hitze heil zu überstehen.
Irgendwann kam Corinna und wir riefen ein Taxi. Da der Mann kurz vor einem Hitzschlag stand, wollten wir, dass er ins Hotel zurück fuhr. Doch der alte Bock blieb stur. "To the beach", keuchte er. Er war so schwach, dass jemand helfen musste, seine Beine ins Taxi zu befördern. Als wir nach wenigen Minuten ebenfalls am Strand ankamen, lag er in einem Liegestuhl, wurde von ein paar Vietnamesen versorgt und trank... ein Bier. Nun ja.
Wir haben es uns gemütlich gemacht, sind ein bisschen geschwommen und haben zugesehen, wie das Gespenst, nachdem es sich wieder etwas erholt hatte, schwankend vor dem Wasser stand und sich irgendwann hinein fallen ließ, ähnlich unkontrolliert wie ein Haus, das bei einem Sturm zusammenbricht. Und wie er zurück torkelte zu seinem Liegestuhl, zurück zu seinem Bier. "I have spent 4 years in the middle east", hatte er gesagt. Als Rechtfertigung dafür, dass er ja eigentlich mit der Hitze klarkommen müsste? Wer weiß, vielleicht war er früher in der Fremdenlegion und macht nun in den Ländern Urlaub, in denen er damals gekämpft hat. Wir haben jedenfalls eine gute Tat getan. Ob er diesen Urlaub überlebt, wenn er so weiter macht, bezweifeln wir.
Abends radelten wir Richtung Stadt, doch wir kamen nicht weit. Corinna blieb gleich beim ersten Kleiderladen hängen, der an der Straße auftauchte. Wir vereinbarten, uns in einer Stunde an der japanischen Brücke zu treffen, und wenn das nicht klappt, dann eben im Hotel. Ich war natürlich rechtzeitig dort und wartete. Ich drehte ein paar Runden, um zu sehen, ob sie irgendwo anders war, doch ich fand sie nicht. Irgendwann setzte ich mich in ein Cafe, bestellte mir mein magenfreundliches Hühnersüppchen, und musste fast eine Stunde lang darauf warten. Ich machte mir ein wenig Sorgen, weil ich mein Handy nicht dabei hatte, und weil ich fürchtete, dass Corinna sich in der unübersichtlichen Stadt verfahren könnte. Natürlich hat sie nie Probleme damit, sich durchzufragen, aber dennoch verblieb ein unwohles Gefühl.
Als ich abends um halb Zehn im Hotel ankam, saß sie lachend bei ein paar Österreichern. Es war alles in Ordnung. Sie war gar nicht weiter gekommen als bis zum ersten Laden. Und dort hat sie drei Kleider, einen Mantel, einen Bikini und drei Paar Schuhe gekauft. Alles maßgeschneidert, angepasst oder komplett neu, für zusammen nicht mal 120 Dollar. Yikes! Frauen!
Und wie glücklich sie war! Zwar hat sie sich tausend Gedanken gemacht, ob sie nicht etwas zu vorschnell gehandelt hat, ohne vorher zu vergleichen, aber dennoch war sie glücklich. Und nicht nur wegen dem. Sie hat sicherlich 30 Mal gesagt, wie schön das Hotel doch sei. Und wie gut es ihr hier gefällt. Wie toll es hier ist. Und wollte gleich wieder in einen Kleiderladen düsen, um sich noch ne Bluse und noch nen Bikini zu kaufen.
Es geht ruhiger zu in dieser Stadt. Ein Touristenörtchen mit vielen Souvenirläden und Gässchen, in denen man umherbummeln und gut essen kann. Das ist keine typische vietnamesische Stadt, und genau deshalb fühlt sie sich besser an. Sicherlich ist vieles gekünstelt, damit die Touristen glücklich sind, aber dennoch macht es ein paar Tage lang Spaß, hier zu sein. Vor allem dann, wenn man auch rausfährt.
Gestern haben wir uns für 80er-Roller für 5 Dollar gemietet und sind damit gleich 50 km weit zu den Cham-Ruinen von My Son gefahren. Wir sind beide noch nie auf einem Roller gesessen, doch schon nach kurzer Zeit ging das ganz locker von der Hand. So einfach! Und wieviel Spaß das gemacht hat, mit 50-70 Sachen durch Vietnam zu heizen oder langsam im städtischen Verkehr mitzuschwimmen. Und auch mal zu hupen, wenn ein blöder Hund nicht von der Straße weggehen wollte.
Mit ein bisschen Durchfragen war es kein Problem, My Son zu finden. Und als wir dann da waren, war ich doch ein klein wenig enttäuscht, dass nur eine Gruppe gut erhalten war, und die anderen nur noch aus ein paar herumliegenden Steinhaufen bestanden. Diese grasüberwucherten Ruinen der Cham-Kultur sind über 800 Jahre alt, liegen mitten im Wald, bewacht vom Cat's Tooth Mountain, und wirken aufgrund ihrer spannenden Architektur majestätisch und mystisch zugleich.
Corinna musste mir abends unbedingt ihre neuen Kleider vorführen. Was für einen Spaß sie dabei hatte! Das Problem ist nur, dass sie in dieser Stadt, wo es pro Gasse zehn verschiedene Schneiderläden gibt, die alles machen, was man zeigen oder beschreiben kann, in jedem (ja, in jedem) Laden hängen bleibt. Und später muss man genau die Läden, in denen man was bestellt hat, wiederfinden können. Bei einer solchen Kleiderladendichte absolut keine leichte Aufgabe.
Heute relaxen wir hier noch ein bisschen am Strand. Ich muss aufpassen wegen der Sonne, meine Arme sind schon sehr rot geworden aufgrund der Rollerfahrerei. Und bereiten uns vor auf die nächste Busfahrt Richtung Süden. 12 Stunden für 550 km. Leider muss das sein, wir kommen nicht drum herum, wenn wir nicht zuviel Zeit verlieren wollen. Dieses Mal werden wir aber einen Schlafbus nehmen. Vielleichts wird dann nicht ganz so eklig werden wie beim letzten Mal. Da Corinna heute Nacht bis um 5 Uhr morgens mit ein paar Iren gefeiert hat, und ich im Bett lag, weil mich die Sonne und ein paar Halsschmerzen matt gelegt hatten, wird sie vermutlich keine Probleme mit dem Schlafen haben. Gut für sie
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