Heute hab ich eine Riesenameise gesehen. Erinnert ihr euch an die Ameisen-Attacke in "Fluch der Karibik"? Ich hatte gedacht, die Ameisen dort seien hoffnungslos übertrieben, so mit fünf Zentimetern Größe. Doch die Ameise, die heute meinen Weg kreuzte, war ungefähr 3 Zentimeter lang. Ihr Kopf allein schien so groß wie unsere Ameisen insgesamt!
Zum Glück war sie allein. Denn ich war es auch.
Um der Großstadt zu entfliehen (ich bin nun mal doch ein Naturbursche) bin ich heute ins Bukit Tima Naturreservat gefahren. Das ist so eine Art Touristendschungel. Ein paar Quadratkilometer Regenwald, die noch nie abgeholzt wurden. Durchzogen von vielen gut begehbaren Pfaden.
Die Alternative für heute wäre der Zoo gewesen. Angeblich eine der Must-See-Attraktionen von Singapur. Der Zoo soll riesig sein und den Tieren viel natürlichen Lebensraum bieten. Abends, wenn die meisten Tierchen ausgeschlafen sind, gibts eine Nachtsafari in einem komplett getrennten Teil. Ich habs mir überlegt, aber mich doch dagegen entschieden. Freiheit im Zoo hin oder her:
Ich bevorzuge die Natürlichkeit. Auch wenn ich dann weniger Viecher sehe. Bukit Tima war deshalb ein guter Vorgeschmack auf die Welt des "echten" Dschungels, den ich vermutlich nächste Woche erreichen werde.
Als ich nach fast zwei Stunden Transport mit U-Bahn, Bus und schmerzenden Füßen im Reservat ankam, bemerkte ich, dass ich mein neues Seidenhemd nicht hätte anziehen sollen. Seide klebt am Körper, wenn sie nass wird. Sie trocknet zwar etwas schneller als Baumwolle, aber trotzdem ist sie nicht so gut geeignet für schweißtreibende Outdoor-Touren. Werd ich mir merken und das nächste Mal wieder meine Funktionsshirts anziehen.
Die Pfade durch den Wald waren sehr unterschiedlich angelegt. Von einem Meter platt gelatschter Breite bis hin zu schwer begehbaren und ziemlich steilen Abschnitten, auf denen man nur mit ordentlichem Körpereinsatz vorankam. Extrem vorteilhaft war, dass ich die meiste Zeit alleine war. Es konnten schon mal 20 Minuten vergehen, bis der nächste Besucher kam. Meist von weitem hörbare schnatternde und schnaufende Trampeltiere, von denen manche dort offenbar Ausdauertraining machten anstatt sich die Natur anzusehen. Klar, dass da jedes Tier Reißaus nahm.
Doch ich hatte ja Zeit. Also bewegte ich mich so leise wie möglich und blieb immer wieder eine Weile stehen, weil ich hoffte, dass die Tierchen dann rauskommen würden.
Taten sie die meiste Zeit über leider nicht. Klar, tagsüber pennen ja auch die meisten. Bei der Hitze kein Wunder. Ich jedenfalls war schon nach wenigen Minuten durchgeschwitzt und triefte aus allen Poren.
Jedoch hatte ich Glück. Gleich das erste was ich sah war ein riesiger Leguan, der direkt neben dem Weg lag und schnell abhaute, als ich mich ihm näherte. Aber er war nicht schneller als meine Kamera!
Irgendwann, als ich schon enttäuscht war, weil ich gerade mal ein Eichhörnchen und ein paar Schmetterlinge gesehen hatte, tauchte vor mir eine Affenfamilie auf, die sofort kreischend in alle Richtungen flüchtete. Aber da ich ja ein Affenfreund bin, hab ich mich auf einen Baumstamm gesetzt und gewartet. Und dann kamen sie wieder raus, begutachteten mich skeptisch, ließen sich aber nicht weiter stören. Affenfrauen mit ihren Kindern, die sich an deren Bäuchen festkrallten. Affenmänner, die sich an ihren besten Stellen kratzten. Affenkinder, die beim Fliegen durch die Baumwipfel gerne mal abstürzten. Affenopas, die ihre Familie bewachten und faul herum lagen. Es war das erste Mal, dass ich Affen in ihrem natürlichen Lebensraum sah. Sie waren soooo süß!
Als ich mich ausgiebigst von den Äffchen verabschiedet hatte, sah ich leider keine Tiere mehr. Eine Schlange aus den Augenwinkeln. Ein paar Insekten. Klar. Nochmal eine Riesenameise, aber die Kind-Variante (nur 2 cm). Ich war rund 3 Stunden auf diesen Dschungelpfaden unterwegs. Es war toll. Ich war allein. Irgendwie abenteuerlich. Wenn der Pfad nicht gewesen wäre, hätte ich mich wie Indiana Jones gefühlt.
Um 15 Uhr aß ich zu Mittag. Ich habe verrückte 13 Dollar für ein chinesisches Hühnchen nach Sechuan-Art bezahlt, wo ich von jedem Stückchen noch den Knochen wegknibbeln musste. Wäh. Das erste Mal, dass ich mit dem Essen hier nicht zufrieden war.
Für den Rückweg hab ich wieder fast zwei Stunden gebraucht. Der Verkehr hier ist einfach zu krass. Auf der anderen Seite der Straße (man braucht schon mal 10 Minuten, bis man auf der anderen Seite ist) liegt die Bushaltestelle nicht auf gleicher Höhe, sondern schon mal ein paar Hundert Meter entfernt. Und da meine Füße so beansprucht wurden, werde ich sie nun erst einmal schonen, denn ich brauche sie ja noch.
Mit der Hitze komme ich mittlerweile gut klar. Am heftigsten spürt man sie, wenn man die Extreme wechselt: Wenn ich morgens aus meinem klimatisierten Zimmer in den Gang gehe. Wenn ich ein Shoppingcenter, den Bus oder die U-Bahn betrete. Und umgekehrt. 30 Grad. 20 Grad. 30 Grad. 20 Grad. Zuerst rennt man gegen eine heiße Wand, gewöhnt sich aber nach 5 Minuten daran. Umgekehrt beginnt man zu frieren, doch ist man nach kurzer Zeit froh darüber, dass das Hemd wieder trocknen kann.
Doch jetzt hab ich ein Rätsel für meine Leser: Wer herausfindet, was das für ein seltsames Tier ist, das sich direkt vor mir von einem Baum auf den Bürgersteig abgeseilt hat, bekommt einen Preis
So, heut Abend fahr ich noch etwas in die Stadt und esse was ordentliches. Morgen gehts dann endlich nach Malaysia. Ich habe eine Verabredung mit einer mir noch (fast) unbekannten jungen Frau an einem mir (noch) unbekannten Ort zu einer mir (noch) unbekannten Zeit. Das Leben muss ja spannend bleiben