Als ich mit hunderttausend Indern durch Little India pilgerte, fragte ich mich noch, ob das wirklich das Singapur sei, das immer beschrieben wird.
Sauber, modern, Weltstadt und so. Nach dem heutigen Tag - meine Füße fühlen sich so an, als wäre ich 50 km gewandert - weiß ich, dass Little India eine Enklave ist, in der alles anders läuft als in der City.
Kaum aus der U-Bahn ausgestiegen schrie mich das moderne Singapur regelrecht an. Glänzende Hochhäuser beiderseits der begrünten Straßen. In der Orchard Road ein Shoppingcenter nach dem anderen.
Chanel, Louis Vitton, Boss, und viele chinesische Fashion Victims, die dort einkauften. Luxus wo man hinsah. Straßen, auf denen man tatsächlich keinen Krümel findet. Keine weg geworfene Zigarette. Keine Getränkedosen, Plastiktüten oder Flaschen. Nur die welken Blätter der zahlreichen Bäume.
Und selbst die wurden von den tags zuvor noch im Park gesessenen Indern zusammengefegt und entsorgt. Weiterhin pflanzen sie Bäume, pflegen die Grünanlagen, ziehen die Hochglanzcenter hoch und halten die Straßen sauber.
Singapur hat offenbar tatsächlich das Bestreben, zur perfekten Stadt zu werden. Versucht wird dies durch extrem hohe Strafen - das Wegwerfen von Müll kann bis zu 1000 Singapur-Dollar (500 Euro) kosten - und billige Arbeiter, z.B. aus Indien. Eine höhere Polizeipräsenz oder gar Militär mit Maschinengewehren konnte ich jedoch kaum beobachten.
Und ich muss sagen: Es ist cool, für eine kurze Zeit. Das Spazieren auf den Bürgersteigen, die meist im kühlenden Schatten liegen. Das Betrachten der Wolkenkratzer durch die Äste von Bäumen hindurch, von denen man den Eindruck hat, sie würden schon hundert Jahre dort stehen.
Dazwischen immer wieder Grünstreifen, kleine Parks, winzige Flächen mit etwas Regenwald und vielen zwitschernden Vögeln. Natur und Beton in Harmonie - zumindest erscheint es dem Besucher so.
Da ich in einer Stadt meist völlig ziellos in der Gegend herum eiere, und einfach mal ne Abzweigung nehme, wenn ich fühle, dass das ne tolle Richtung sein könnte, landete ich mal wieder in einer Ecke, die ich gar nicht sehen wollte.
Viele Luxus-Appartments, umgeben von parkähnlichen Gärten in der Grange Road, weit entfernt von der nächsten U-Bahn-Station. Hier ist es nicht so wie beispielsweise in Paris, wo man fast an jeder Kreuzung abwärts gehen kann.
Dafür ist die U-Bahn so wie alles andere: Sauber, funktional, sauber, sicher. Das ist keine historische Metro mit Flair, sondern ein steriles Transportsystem.
Die Bahnhöfe sehen alle gleich aus, funktionieren gleich, und nur die Shoppingcenter, die wie die Quengelware an Supermarktkassen oft durchlaufen werden müssen, wenn man zu den Schienen gelangen will, sind manchmal größer und manchmal kleiner.
Bis ich aus der Grange Road heraus wieder den Weg in die City und zur U-Bahn gefunden hatte, waren meine Füße wundgescheuert von den blöden Sandalen, die ich aufgrund der Wärme angezogen hatte.
Ich und Sandalen! Hat jemand von euch mich schon mal in Sandalen gesehen? Meine Füße sind das nicht gewohnt und haben sich gerächt.
Nach dem Mittagessen in einem Outdoor-Hawker-Center (für 4 Euro wird man hier satt und bekommt allerbestes Essen) fuhr ich zurück ins Hostel, um die Sandalen gegen Straßenschuhe zu wechseln.
Zurück in der Stadt dachte ich, die höchsten Kratzer bereits gesehen zu haben. Doch dann tauchte die Skyline am Horizont auf, im Bereich der Marine Bay. Und als ich mich schließlich durch die Häuserschluchten hindurchzwängte, fühlte ich mich wie man sich vielleicht in New York City fühlt. Nur mit mehr Grün. Grün als Kontrast zum Braun der Häuser, dem Blau der Fenster und des Himmels und dem Grau der (je Fahrtrichtung) vierspurigen Straßen. Geld, Business, Luxus, Macht. Aber dafür viele hübsche Chinesinnen in fröhlich-knapper Sommerkleidung. Schön.
Hatte ich gestern noch gedacht, alle Inder gesehen zu haben, habe ich nun das Gefühl, alle Wolkenkratzer gesehen zu haben. Ein seltsames Gefühl. Meine Füße jammern mich gerade an, weil sie glauben, alle Straßenbeläge gesehen zu haben.
So etwas macht müde.
Meine Interaktionen mit anderen Menschen beschränkten sich dieses Mal auf das Verwirren einer Gruppe chinesischer Teenie-Mädels, die kicherten und mir zuwinkten und mich ständig beobachteten und "Hallo" und "Bye-Bye" sagten und Angst bekamen, als ich sie etwas länger ansah. Und auf die Gespräche mit den Straßenhändlern in Chinatown. "Hello where are you from?" - "Ah, from Germany." - "I'm a Schneidermeister, you know." - "I can make you a suit - very cheap."
Sehr süß.
Einer brachte mich immerhin dazu, zwei Seidenhemden zu kaufen. Er wollte 80 Dollar haben, ich hab ihm 40 geboten und wir haben uns auf 50 geeinigt.
Er war nicht glücklich darüber. Aber Gewinn wird er trotzdem noch gemacht haben, der arme Schneidermeister. Zuvor hatte er gesagt, er würde die Anzüge für Boss und Armani fertigen - und ich bekäme sowas dann für 500 Dollar statt für 1200 - das wäre doch ein echtes Schnäppchen. Außerdem hab ich - war ich tatsächlich shoppen? - bei einem anderen Schneidermeister einen japanischen Kimono gekauft. Hab ihn auch für fast die Hälfte gekriegt. Und ich gebs zu, ich hab mich überreden lassen. Die Typen haben ihr Handwerk drauf. Ich bin schwach geworden, weil da so ein tolles Tigermotiv eingestickt war.
Und das Ding aus Seide sich so gut angefühlt hat. Da dachte ich gar nicht mehr darüber nach, wo ich denn bitte einen Kimono anziehen sollte!
Braucht jemand von euch nen Kimono?
Nach dieser schrecklichen Erfahrung (ich hab Kleidung gekauft. Im Urlaub!) musste ich mich stärken und hab mich für Korea entschieden. Kulinarisch bin ich hier in meinem Himmel gelandet. Kurz zusammengefasst:
Toast und Kaffee zum Frühstück, chinesische Snacks zwischendurch, indischer gebratener Reis mit Hühnchen und Limettensaft zu Mittag, japanisches Eis am Nachmittag, Mangosaft am Abend, und schließlich koreanische Kimchi-Suppe - bei der ich merkte, dass sie das schärfste war, das ich in Korea je gegessen hatte, und dass sie hier in Singapur genau so schmeckte. Aber sie hat Kraft in meinen Körper gepresst, meine Halsschmerzen sind fast verschwunden, ich fühle mich topfit (meine Füße leider nicht), und so beschloss ich den Tag mit ein paar Nachtfotos und dem Schreiben dieses Berichts.
Und morgen versuche ich, das letzte Stückchen Regenwald zu bezwingen, das auf Singapur noch verblieben ist. Hauptsache ich bin erstmal etwas weg vom Beton.